Der Umstieg von einem auf vier Zylinder

Nachdem nun die meisten Wartungsarbeiten an der Yamaha XJ erledigt sind – gestern habe ich die Steuerkette neu gespannt und einen Öl- samt Ölfilterwechsel gemacht – habe ich nun Zeit ein erstes Resümee zu ziehen, wie es sich anfühlt, wenn sich die Zylinderzahl und auch fast die PS Zahl (naja, fast ;-) ) plötzlich vervierfacht.

Als ich die XJ das erste Mal unter den Augen der Öffentlichkeit in die Garage gefahren habe, war der spontane Ausspruch eines meiner Nachbarn: „Was fährst du denn da?“ – Ich: „Yamaha, warum?“ – Er: „Naja, weil das ja absolut nicht zu dem passt, was du sonst so fährst.“

Ich gebe zu, da hat er nicht ganz Unrecht. Eine Yamaha XJ 650 hat mit einer Royal Enfield und mit einer 250er ETZ nun wirklich nicht sonderlich viel gemeinsam, könnte man meinen, obwohl… es gibt einen Rahmen, eine Telegabel, eine Schwinge, eine Sitzbank, einen Lenker, einen Lenkkopf, Bremsen, Vergaser, Blinker, Licht, Luftfilter, Stoßdämpfer, Räder, Zündspulen, Getriebe, Kupplung, etc pp. So groß ist der Unterschied bei näherer Betrachtung gar nicht. Der größte Unterschied liegt wirklich im Motor, der verglichen mit der Enfield – ein Vergleich mit der ETZ ist unangebracht, die ETZ ist ja ein Zweitakter – einfach anders konzipiert ist. Was mich allerdings erstaunt hat, ist die Tatsache, dass ich nicht unbedingt sagen kann, das der Reihenvierzylinder komplexer ist, als der Motor der Enfield, sondern doch recht einfach und logisch aufgebaut ist. Auch die regelmäßigen Wartungsarbeiten haben sich als wirklich sehr leicht durchführbar erwiesen, da hat Yamaha gut mitgedacht.

Sehr deutlich wird der Unterschied vom Ein- zum Vierzylinder allerdings beim Fahren. Ein Einzylinder schüttelt und vibriert und hat speziell bei der Einfield, bedingt durch den langen Hub, im niederen Drehzahlbereich „richtig schön bumms“ – das musst du mögen. Der Vierzylinder hingegen erzeugt kaum Vibrationen und klingt logischerweise ganz anders, eher wie eine Turbine, oder ein Bienenschwarm. „Unspektakulär“ trifft es glaube ich schon ein wenig, vielleicht ist das ja auch der Grund, warum bei dieser Art von Motorrädern, gerne mal die Auspuffanlage verändert wird ;-). Nicht von der Hand zu weisen ist allerdings, dass die Laufruhe des Motors – zumindest mir – das zügige Durchfahren einer Kurve angenehmer macht. Die XJ läuft meiner Empfindung nach wirklich wie auf Schienen durch die Kurve, es macht richtig viel Spaß. Bei der Enfield bin ich manchmal abgelenkt, weil die Maschine bei zügiger Fahrt vibriert und die Originalbereifung ab einer gewissen Schräglage einfach „zittrig“ wird. Das ist in meinen Augen aber kein Nachteil der Bullet, denn mit ihr fahre ich fast nie zügig, Enfield fahre ich ja wegen „dem Erlebnis Royal Enfield“ und wegen dem Grinsen im Gesicht, wenn ich mich draufsetze und „losjuckel“.

Ein wirklich einschneidendes Erlebnis ist allerdings der Umstieg von ~25 auf 72 PS. Da kann ich nur Jedem raten, der einen ähnlichen Umstieg macht: Erstmal langsam gehen lassen und bei der Hälfte des Drehzahlmessers hochschalten. Ich denke es ist wichtig, die Beschleunigung und auch die Verzögerung einschätzen zu können, sonst ergeben sich zwangweise heikle Situationen. Schwierig ist die Umgewöhnung allerdings nicht, es braucht eben nur ein wenig Zeit. Bei mir hat es drei Tage gedauert, dann hatte ich mich an die 72 PS der XJ gewöhnt. Auch wer von einer gedrosselten Maschine (34 PS) auf etwas Großes umsteigt, sollte sich eine Eingewöhnungsphase gönnen, um später die Maschine sicher beherrschen und dann in vollen Zügen genießen zu können.

Ein kleiner Unterschied ergibt sich noch aus der Art des Endantriebs: Die XJ hat einen Kardanantrieb, meine anderen Motorräder eine Kette. Eine Kette spricht anders an als der Kardan, weicher und elastischer, der Kardan ist etwas „ruppig“ – was ich allerdings nicht als störend empfinde, weil der Kardan wunderbar wartungsarm ist – das überwiegt das etwas „schlechtere“ bzw. andere Ansprechverhalten.

Letztendlich sind die Unterschiede aber gar nicht so groß, wie es scheinen mag: Ein Motorrad bleibt immer noch ein Motorrad und die grundlegende Fahrphysik gleich. Ich bin jedenfalls froh, dass ich jetzt noch ein Motorrad habe, mit dem ich auch mal ohne Stress über die Autobahn fahren kann, um zügig von A nach B zu kommen.

Spaß macht die XJ in jedem Fall und ich habe es bisher nicht bereut sie gekauft zu haben. Auch der Verbrauch hält sich übrigens im Rahmen, nur rund 5 Liter auf 100 Km bei meiner Fahrweise. Ich glaube die XJ ist ein echtes Brot und Butter Mopped.