Wheelie, Substantiv, Abheben des Vorderrades beim Motorradfahren durch starkes Beschleunigen oder schnelles Einkuppeln, oft beim Start, zu engl. wheel = Rad. Wofür braucht man so einen Scheiß? Ist doch genau so doof wie Burnouts, Stoppies, Dieselmoppeds und fast rohes Fleisch vom Grill. Wenn du das denkst, dann hier mein guter Rat: Ließ diesen Beitrag einfach nicht weiter. Du musst nämlich nicht gut finden, was ich mache und mir macht das auch nichts aus, es ist mir ehrlich gesagt sogar ziemlich egal. Außerdem will ich auch keine Beschwerden in den Kommentaren lesen müssen, bitte gehen Sie weiter, hier gibt es nichts zu sehen. Danke. Oder: Hey, du hast es über den ersten Absatz geschafft, das heißt du hast weniger Vorurteile gegenüber dem Wheeliefahren als so manche, und vielleicht geht es dir beim Wheelie fahren nicht darum eine coole Show zu machen, oder dein Motorrad mutwillig zu zerstören, sondern wie bei mir um den Ansatz mit dem Motorrad spielerisch umgehen zu können. Das wird langfristig gesehen nämlich die Fahrtechnik auf der Straße verbessern. So zumindest meine Überzeugung.
Lothar Schauer

Lothar Schauer

Nun kann man natürlich im Internet recherchieren und seine ersten Wheelies beim Ampelstart ausprobieren und dabei selbstverständlich sein Motorrad in einen unfahrbaren Haufen Eisen verwandeln, weil im Internet einfach nirgendwo auch nur ansatzweise beschrieben ist, wie es richtig gemacht wird - und glaub mir, ich habe echt viel dazu gelesen und gesehen. Deswegen besser so: Du nimmst etwas Geld in die Hand und lässt es dir von einem Profi erklären. Der Profi heißt Lothar Schauer und bietet Wheelie-Lehrgänge an. Hier wird unter sicheren Bedingungen auf speziellen Motorrädern die Wheelie-Technik erklärt. Powerwheelie kann Jeder der genügend Leistung hat - womit ich den Powerwheelie nicht schlechtreden will, es ist halt nur eine andere Kategorie. Und nun ist es Samstag morgen, wir schälen uns nach und nach aus unseren Schlafsäcken und fahren nach einem ausgiebigen Frühstück, das uns von Andi und Tanneliese gereicht wird los. Wir, dass sind Stephan, Alexander, Patrick, Boris, Andi und ich. Weil Andis Fünfziger irgendwie keine Lust hat auch nur einen einzigen Zündfunken auszuhusten, nehmen die Herren auf den Soziussitzen unserer Motorräder Platz, wobei der Pokal für den härtesten Hintern an Patrick geht, der sich auf den Sitz meiner KLX hocken darf. Der hintere Teil der Sitzbank ist eigentlich nur Dekoration und dient wohl dem Zweck, die im Fahrzeugschein eingetragene Zweipersonenzulassung glaubhafter erscheinen zu lassen. Bequem ist er jedenfalls nur die ersten 2 Kilometer. Boris hat's da besser, er thront geradezu königlich auf dem hinteren Sitz der Güllepumpe von Alex. Auf geht's, einmal quer durch Stuttgart bitte. Als wir am Bahnhof vorbei kommen, muss ich unweigerlich an die Proteste gegen S21 denken und an die Prügelpolizei, die Kinder, Jugendliche und Rentner mit Pfefferspray und Wasserwerfern bekämpft hat, als wären sie vom schwarzen Block. Ein Armutszeugnis für eine Demokratie. Am Flughafen finden wir dann auf dem riesigen Lieferantenparkplatz einen abgesperrten Bereich, wo bereits Motorräder betankt und getestet werden, obwohl wir eine Stunde zu früh sind. Langsam trudeln auch die anderen Teilnehmer ein, die Wheelie-Lehrgänge sind auf 16 Personen zugeschnitten. Um 10 Uhr geht es endlich los und nach der Begrüßung legt Lothar direkt mit dem ersten Theorieblock los und erklärt, wie es eben nicht geht: Am Lenker reißen, bei 6.000 Touren im 2. Gang die Kupplung schnacken lassen, alles Käse. Es ist viel einfacher und geht mit ein wenig Physik völlig ohne Anstrengung. So sagt er zumindest. Ob ich ihm glaube? Ich weiß es noch nicht. Nachdem er es ausführlich erklärt hat, klingt es allerdings rein physikalisch einleuchtend und im Grunde geht es darum sich beim Wheelen auf dem Motorrad völlig anders zu verhalten als normalerweise. Und das was sich da jahrelang ins Motorradfahrende Hirn eingebrannt hat, das wieder rauszuzwingen, das wird wohl das schwierige an der Sache. Und natürlich das Gefühl zu überwinden, das man nach hinten über schlägt und sich böse ablegt. Nach der Theorie geht es direkt in die Praxis, doch Lothar wirft uns nicht ins kalte Wasser, sondern auf einen Wheelie-Simulator. Das ist ein richtiges Motorrad, ähnlich wie in einem Leistungsprüfstand mit dem Hinterrad auf eine Rolle montiert, die hintere Achse ist fixiert. So lässt sich das Motorrad auf der Hinterachse nach oben bringen, genau wie bei einem Wheelie. Da das Motorrad aber nicht wirklich fährt und beschleunigt, muss ein Mitarbeiter noch ein wenig nachhelfen. Ich bin endlich an der Reihe und ziemlich nervös. "Nicht konzentrieren, einfach machen", sagt Co-Instruktor Canico zu mir und beim zweiten Versuch klappt es und ich sehe nur noch den Himmel. Irres Gefühl. Total verrückt. Noch ein paar Versuche und ich darf den Simulator wieder verlassen. Wenigstens weiß ich jetzt was mich erwartet und bin ganz wild darauf, es mit einem Motorrad zu versuchen. Nach einer kurzen Aufwärmrunde mit den Motorrädern und einem weiteren Theorieblock ist es dann soweit. Es wird ernst. Ziel ist es das Vorderrad im Stand kurz lupfen zu lassen. Erst fährt Gruppe eins, dann sind wir dran. Also schnappe ich mir ein Motorrad und bin total erstaunt, dass es mir relativ schnell gelingt mit der von Lothar erklärten Technik das Vorderrad lupfen zu lassen. Wie geil ist das denn bitte? So einfach? Ich könnte mich mehrfach gesichtspalmieren, denn wenn man ein wenig darüber nachdenkt und aufmerksam beobachtet, dann ist es ja absolut logisch. Auch die anderen Teilnehmer der Gruppe bekommen es gut hin, also muss da schon was dran sein.
Meine ersten Wheelies

Meine ersten Wheelies

Das Ziel der nächsten Übung ist dann das ganze aus der Fahrt heraus zu schaffen. Fahren, anhalten, lupfen, weiterfahren. Das ist schon etwas schwieriger, aber nach zwei Übungsläufen klappt es ganz gut und es geht einen Schritt weiter. Das Vorderrad muss höher. Schritt für Schritt. Die Gruppen wechseln sich immer ab und das ist auch gut so. Das ständige spielen mit der Kupplung geht ganz schön in die Hände, auch der Rest des Körpers ist gefordert. Einigen Teilnehmer gelingen langsam richtig hohe Wheelies, aber wir sind angehalten das Rad mit der hinteren Bremse sofort wieder runter zu holen. Gut ist, dass der Co-Instrukor sehr aufmerksam ist und sofort Tipps gibt, was falsch war. Bis zur Mittagspause üben wir weiter und bei einigen klappt es schon recht gut, bei mir eher so mittelmäßig, bei Stephan geht irgendwie gar nichts. Ich denke als langjähriger Motorradfahrer ist es schwer die alten Gewohnheiten, die dem Wheelen hinderlich sind, aus dem Hirn zu verbannen. Canico kümmert sich aber rührend um ihn und auch Lothar gibt Tipps. Nach dem Mittagessen platzt dann auch bei Stephan der Knoten und wie von jetzt auf gleich, als hätte jemand einen Schalter umgelegt, kriegt er das Vorderrad richtig gut hoch. In einem weiteren Theorieblock erklärt Lothar dann das Fahren und Lenken auf dem Motorrad, aber ich denke nicht, dass ich es heute soweit bringe das zu üben. Ich komme einfach noch nicht über diesen Punkt, an dem ich wenn das Vorderrad oben ist panisch die Bremse zu mache, weil ich das Gefühl haben hinten über zu fallen. Dann der erste Sturz eines Teilnehmers, nein doch nicht, eher ein kontrollierter Ableger, nichts passiert, Motorrad heile geblieben, weiter geht es.
Lothar gibt mir Tipps

Lothar gibt mir Tipps

Ich bin gespannt, wer von uns heute die Wheelie-Trophäe, die Alexander geschweißt hat mit nach Hause nimmt. Die Trophäe ist auch der Aufhänger der Mopeten TV Folge, die Stephan nebenbei dreht. Ich tippe ja auf Boris, denn der macht das schon richtig gut. Alexander und Andi sind aber auch schon nicht schlecht und Stephan wird immer besser. Vielleicht macht er uns allen ja nur etwas vor und hat heimtückisch auf dumme Eule gemiemt. Die neue Folge von Mopeten TV wird klären wer gewonnen hat, freu dich drauf! In den letzten zwei Theorieblöcken erklärt Lothar, wie während des Wheelies ein Kreis gefahren werden kann und wie der 110 ° Wheelie funktioniert. Ich muss zugeben, dass ich das theoretisch zwar verstehe, es auch nett finde, dass er es uns erklärt, aber das ist einfach eine Sache, die langes Üben voraussetzt. Das Training geht weiter und einige der Teilnehmer schaffen es bereits drei Meter am Stück einen Wheelie zu fahren. Erstaunlich! Ein paar gute schaffe ich auch noch, aber ich krieg meinen Kopf einfach nicht in den Griff. Der sagt mir immer ich falle. So ein Drecksack. Um 17 Uhr beendet Lothar das Training, weil er merkt, dass die Kraft bei den Teilnehmern schwindet und die Sturzgefahr steigt. Nun merke ich auch, wie fertig ich bin. Es war doch recht anstrengend, aber auch sehr lehrreich und spaßig.
Ein letztes Mal einparken der kleinen 250er.

Ein letztes Mal einparken der kleinen 250er.

Den Trick des wheelens mit einem völlig untermotorisierten Motorrad kann ich hier leider nicht weitergeben, erstens könnte ich das gar nicht in adäquater Form erklären, weil es in einem Text schlecht zu erläutern ist, zweitens gibt's dafür einen Profi, der das viel besser kann. Und wer es wirklich lernen will, der sollte zu Lothar gehen, es lohnt sich – uneingeschränkte Empfehlung meinerseits! Nur ein wenig Theorie kann ich weitergeben: Der Wheelie wird prinzipiell über einen Gasstoß und schnelles Einkuppeln eingeleitet. Zudem ist der Körper auf dem Motorrad eine träge Masse, und diese Masse muss eingesetzt werden, sonst bleibt das Vorderrad am Boden. Der Rest ist üben, üben, üben. Wichtig war für mich außerdem noch die Information, dass es nicht mit jedem Motorrad möglich ist, lange Wheelies zu fahren, weil sonst recht schnell das Pleullager aufgeben würde. Motorräder mit Nasssumpfschmierung z.B. sind völlig ungeeignet, weil beim Wheelie sofort das Lager trocken läuft. Es geht zwar, indem einfach viel zu viel Öl eingefüllt wird, aber das landet dann dummerweise durch die Motorentlüftung irgendwann im Luftfilter, ist also eher wenig prickelnd. Besser geeignet zum trainieren sind Zweitaktmotoren, da die Schmierung über das Gemisch erfolgt. Am Besten allerdings sind Motorräder mit Trockensumpfschmierung, wie z.B. die XT 500. Bei der Trockensumpfschmierung wird die Schmierung über den separaten Öltank gewährleistet, egal in welcher Lage sich das Motorrad befindet. Meine KLX 250 hat übrigens Nasssumpfschmierung. Schade. Aber ich habe ja noch die Honda MT5 zum üben. Oder ich hole mir eine 150er MZ ETZ. Auf jeden Fall will ich weiter Wheelies üben, mir hat es nämlich super Spaß gemacht und mich auch beim Fahren auf der Straße weiter gebracht. Nachdem wir wieder bei Andi und Tanneliese sind, gehen wir noch in die Kneipe "im Eimer". Nettes Lokal, super Burger, gar nicht mal teuer und mit dem Namen lassen sich wenigstens 1.000 bescheuerte Wortspiele machen. Nachdem die Terrasse schließt, nehmen wir im Innenraum noch einen kleinen Absacker und lassen danach den Abend bei Andi und Tanneliese gemütlich ausklingen. Am nächsten Morgen verabschieden wir uns herzlich, es war wirklich wunderbar so eine Gastfreundschaft genießen zu dürfen, obwohl wir uns ja eigentlich noch gar nicht kannten.
Mittagessen auf einer Burg am Neckar

Mittagessen auf einer Burg am Neckar

Dann fahren Stephan, Alexander und ich wieder zurück, es geht am Neckar entlang. Nachdem Mittagessen auf einer Burg mit herrlichem Ausblick und dementsprechend angepassten Preisen, verabschiedet sich Stephan und gibt Knallgas Richtung Düsseldorf. Alex bringt mich dann noch etwas gemütlicher zur A45, wo ich mich an einer Ampel auch von ihm verabschiede und dann ebenfalls mit heftig gezogenem Kabel Richtung Sauerland düse, weil ich noch auf den Geburtstag meiner kleinen Schwester will. Mein Tacho sinkt selten unter die 120 Km/h Marke und ich halte nur zum tanken. Kurz vor Lüdenscheid geht mir beinahe der Sprit aus, die Reservelampe leuchtet bereits seit 40 Kilometern, also fahre ich Lüdenscheid-Süd von der Autobahn, um eine Tankstelle zu suchen. Das ist eine ziemlich doofe Idee, denn ich stehe mitten in der Pampa und fahre sofort wieder zurück auf die Autobahn, wobei mir bereits das erste Mal der Motor fast abstirbt, doch nur einige hundert Meter weiter sehe ich das rettende Schild: Nächste Tankstelle 1 Kilometer. Mit dem letzten Tropfen fahre ich auf die Raststätte und schütte 7,2 Liter in den Tank - 7,7 gehen laut Kawasaki rein, aber da ich zum Tanken immer den Seitenständer benutzte, ist bei mir wohl etwas weniger. Knapp. Nach der Tankstelle nehme ich die nächste Ausfahrt und fahre über meine Hausstrecke in Richtung Geburtstag meiner Schwester. Nachdem ich mich dort gestärkt habe, steige ich für heute ein letztes Mal auf meine Maschine und fahre nach Hause. Das mir nach ca. 1.200 Kilometern KLX an nur einem Wochenende wenig der Arsch brennt brauche ich wohl nicht zu erwähnen. Aber es hat sich gelohnt. Es war schön, lehrreich und lustig. Nur gut, dass die Honda Testtage 2011 einen Tag vor dem Wheelie-Training waren. Sonst hätten wir da bestimmt... ;-) Fotos: Alexander, abgeschweift.de. Weitere Fotos folgen.