Halb sechs, der Wecker klingelt. Meine Güte ist das früh und entgegen meiner Gewöhnung. Ich bin bekennender Spätaufsteher, aber heute komme ich ganz gut aus dem Bett, denn endlich kann ich mal wieder eine längere Strecke mit der Enfield fahren – ganz für mich allein, nur ich und die Maschine. Darauf habe ich mich seit Wochen gefreut.

Also streife ich schnell die Motorradklamotten über meinen noch halbwachen Körper und schlurfe in die Garage, die ich einen Tag zuvor bezogen habe. Endlich eine Garage… nach einem Jahr Wartezeit. Es ist irgendwie ziemlich ungewohnt die Enfield aus der Garage schieben zu müssen, sie dann wieder aufzubocken, um dann das Garagentor zu schließen. Aber ich glaube ich werde mich schon noch daran gewöhnen.

Um sechs Uhr fahre ich los und nach wenigen Kilometern merke ich, dass es arschkalt ist und ich viel zu dünn angezogen bin. Ich habe mich von der aufgehenden Sonne täuschen lassen, dachte sie würde schon ihre Wärme verbreiten, aber es ist wohl einfach noch zu früh. Die alte B1 führt mich über Unna nach Werl, was ziemlich unspektakulär ist.

In Werl biege ich dann auf die B515 und fahre durch den Arnsberger Wald Richtung Brilon und im Schatten der Bäume wird mir dann doch arg kalt. Nach einigen Kilometern sind meine Hände durchgefrohren und ich wünsche mir, ich hätte die Winterhandschuhe nicht in den Seitentaschen der MZ gelassen und sie doch noch eingepackt. Aber die Strecke durch den Arnsberger Wald ist trotz der Kälte schön zu fahren. Der Wald ist hier von Kyrill zumindest in Straßennähe verschont geblieben.

Ziemlich schnell bin ich in Brilon und mache dort meinen ersten Halt. An einer Tankstelle hole ich mir eine Tasse Kaffee, an der ich mir die Hände wieder aufwärme. Die Enfield läuft sehr gut bis jetzt, nur an der Ölentlüftung und der Ölrückführung schmeißt sie, wie schon lange, oder eigentlich schon immer, etwas Öl raus. Ich muss unbedingt Schlauchschellen montieren. Die Inder haben die Schläuche mit nur ziemlich schlaffen Klemmschellen befestigt. Kein Wunder, dass es nicht dichthält.

Von Brilon aus fahre ich nun auf der B7 Richtung Kassel, die sich als relativ langweilige Straße die von Ort zu Ort führt entpuppt, aber als ich auf die L870 einbiege offenbart sich mir zwischen Bredelar und Giershagen zum erstmal eine wirklich tolle Motorradstrecke: Zu Beginn eine verwundene enge Waldstraße und später führt sie mich vorbei an Weizenfeldern, die kurz vor der Ernte stehen. Ich kenne diesen Geruch von früher, bis ich sechs wurde haben wir auf einem Bauernhof gewohnt.

Die Sonne steht nun bereits zwei oder drei Meter über dem Horizont, und langsam taut sie mich wieder auf und in guter Stimmung erreiche Bad Arolsen. Es schein eine Art Kurort zu sein, aber was genau sie kurieren kann ich nicht lesen. Vermutlich kurieren sie Spielsucht mit Hypnose, oder trockenen Humor mit einem Wasserbad. In Erinnerung bleibt mir aber die schöne Innenstadt, wo es hübsche alte Gebäude und ein Schloß gibt. Hinter Bad Arolsen überquere ich den Twistesee und es geht weiter über die B450 Richtung Kassel. Ebenfalls ein schöner Streckenabschnitt, mit viel Kurven, viel Wald und viel berauf und bergab.

Über die L3298 fahre ich über einen Berg durch ein dichtes Waldgebiet und erreiche schließlich den Großraum Kassel. Ziemlich lange führt die Straße durch die Vorstäde von Kassel, bis ich schließlich die Innenstadt erreiche und auf einen überdimensionalen Kreisverkehr treffe.

Ich muss zugeben, ich war noch nie in Kassel und auf diesen Kreisverkehr war ich wirklich nicht vorbereitet. Schon bevor in den Kreisverkehr eingefahren wird, muss man sich einordnen und zu allem Übel ist das Ding auch noch dreispurig. Die richtige Spur habe ich genommen, aber die Schilder sind irgendwie unpräzise und natürlich nehme ich die falsche Ausfahrt. Leider bemerke ich meinen Fehler erst nach einigen Kilometern. Es ist dieses Gefühl, das einen letztendlich zum Anhalten zwingt, der Zweifel, der an einem nagt und dann muss ich mir selbst eingestehen: Scheiße, ich bin falsch gefahren.

Also zurück und eine Tankstelle angesteuert. Einen Kaffee trinken, eine Rauchen, die Kassierin fragen, ob der Weg, wie ich ihn nun fahren will der richtige ist. Ja es ist der richtige, also wieder auf’s Motorrad und weiter. Wieder am Kreisel nehme ich einfach die nächste Ausfahrt und plötzlich bin ich auf der richtigen Strecke. Die B7. Eine Bundesstraße, die ich nun eine sehr lange Zeit fahren werde, und von einigen Straßenschildern als „historische Straße“ betitelt wird. „Na da bin ich mit der Enfield hier ja genau richtig“, denke ich mir und fahre nun immer stetig ostwärts.

Die Städte fliegen nur so vorbei. Lichtenau, Eisenach, Gotha, Erfurt und Weimar. Die B7 ist wirklich sehr gut zu fahren und liege gut in der Zeit, bis mich kurz hinter Weimar ein schwerer Verkehrsunfall aufhält. Ein Auto ist einem anderen hinten drauf gefahren. Wie es das geschafft hat, ohne das weit und breit eine Einmündung zu sehen ist, schleierhaft, aber es ist passiert und die Bundesstraße ist gesperrt. Ich quetsche mich am Stau vorbei und stelle mich ganz vorne in die Schlange, beobachte die Aufräumarbeiten von Polizei und Feuerwehr. Eine Umleitung gibt es nicht und nach einigen Minuten des Wartens muss ich mich meiner Lederkleidung entledigen, sonst überschwemme ich mit meinem Schweiß noch die Straße. Erst rollt ein Abschleppwagen an, um einen Wagen zu bergen und dann noch ein Zweiter, der zu meinem Erstaunen ein weiteres Fahrzeug aus einem Feld birgt. Ich war davon ausgegangen, dass der zweite Wagen schon geborgen wäre, dabei hatte ihn nur das Rapsfeld verschluckt.

Die B7 ist zweifelsohne eine schöne Straße, nur ihr Problem ist: Die Leute fahren teilweise wie die gaskranken Irren. Ich bin mehrmals bei doppelt durchgezogener Linie von PKWs in meiner Spur überholt worden, obwohl nicht wirklich Platz dafür war. Wie sowas dann enden kann, hat der Verkehrsunfall ja ziemlich deutlich gezeigt. Keine Ahnung was mit den Insassen der Autos passiert ist, aber ich habe niemanden gesehen, außer der Polizei und der Feuerwehr, also gehe ich davon aus, dass sie entweder im Kranken-, oder im Leichenwagen vom Unfallort fort transportiert worden sind.

Aber die Krönung dieses Ereignisses war, als ziemlich zum Ende der Aufräumarbeiten ein jungen Mann mit einer schweren Tasche die Straße entlang marschiert kam und kurz mit den Polizisten redete. Dann packte er gemütlich die Kamera aus und filmte die restlichen Aufräumarbeiten. Ja, wie schön es doch ist, seine Sensationslust zu befriedigen und sich am Leid Anderer zu ergötzen. Ach nein, ich vergaß: Es geht ja um Fernsehjournalismus. Das ist natürlich etwas anderes.

Abseits der LandstraßeIch zücke mein Mobiltelefon und mache das erste und einzige Foto der Tour, aber ich fotographiere bewusst nicht die Unfallstelle, sondern einfach nur die Landschaft neben der Straße. Ich möchte kein Unglück fotographieren, was habe ich davon? Nichts.

Als beide Fahrzeuge abgeschleppt sind und die Fahrbahn gereinigt ist, geht es endlich weiter. Als ich an der Unfallstelle vorbeifahre, rieche ich den typischen Geruch von verdampftem Öl. Unangenehm.

Dann passiere ich Eisenberg und verfahre mich ein weiteres Mal, weil ich mich dazu verleiten lasse der gut zu fahrenden B7 zu folgen, anstatt in Hartmannsdorf die L193 Richtung Zeits zu nehmen. In Gera bemerke ich den Fehler, denn Gera steht überhaupt nicht in meinem Roadbook. Ein Blick auf die Karte schafft Klarheit und ich nehme die B2 nach Zeitz.

Über Meuselwitz will ich nach Rochlitz und hier wird die von mir geplante Strecke langsam an schwierig zu werden, denn es sind nicht mehr die Orte ausgeschildert, wie ich es mir gedacht hatte. Aber ich finde irgendwie den Weg und ein Passant bestätigt mir, dass ich in die richtige Richtung fahre. In Rochlitz angekommen geht der Spaß aber erst richtig los, denn ab hier fahre ich keine Bundesstraße mehr, sonder nun noch reine Landstraßen. Und wie sich zeigt, sind es nichteinmal Landstraßen, sondern eher so eine Art asphaltierte Feldwege: Wenn sich zwei Autos entgegen kommen, muss Eines an den Rand fahren, damit das Andere passieren kann.

Dummerweise hilft mir die Straßenbeschilderung auch nicht wirklich weiter. Alle Orte, die auf meiner Liste stehen sind auf keinem Schild zu finden. Dafür ist überall „Chemnitz“ zu lesen und weil es ziemlich verlockend richtig klingt, fahre ich erstmal in diese Richtung, auf der Suche nach der Stadt „Erlau“. Die nächste große Stadt in die ich gelange ist Mittweida und ich gewinne schnell den Eindruck, dass dies die schlecht beschildertste Stadt Deutschlands sein muss. Egal auf welches Straßenschild ich schaue, überall nur „Chemnitz“. Aber ich will nicht nach Chemnitz, ich will verdammt nochmal nach Erlau.

Irgendwie bin ich an einem Tiefpunkt angekommen. Ich ärgere mich über die beschissenen Straßen, die mich durchschütteln, die schlechte Beschilderung und darüber, dass ich auch aus der Karte nicht wirklich schlau werde. Mehrmals studiere ich sie, irre sinnlos durch die Stadt Mittweida, bis ich endlich ein Straßenschild finde, das mir die richtige Richtung weist. Und dann erreiche ich wirklich das Dörfchen Erlau. Merke: Die Größe der Namen eines Ortes auf einer Karte steht nicht im Zusammenhang mit der tatsächlichen Größe des Orts. Die kleinste Kleinstadt kann in großen golden Lettern in Schriftgröße 72 auf der Karte abgedruckt sein, das ändert aber nichts an der Tatsache, dass es ein kleines Dorf mit 5 Häusern, einer Dorfschänke und wenn man Glück hat mit einer Pommesbude ist.

Aber meine Laune bessert sich. Ich bin wieder „on the road“, weiß wo ich hin will und auch die Strecke wird interessanter. Über wirkliche enge Landstraßen fahre ich durch Tanneberg Richtung Burg Kriebstein und an der Burg vorbei ins Tal. Und es war nicht nur einfach ein Fahrt ins Tal, nein, es war zweiter Gang und bremsen angesagt, weil das Gefälle teilweise über 30% erreichte. Interessante Abfahrt.

Durch das Kriebtal geht es Richtung Nossen. Den Wortwitz mit NoS’en spare ich mir an dieser Stelle, weise aber darauf hin, dass Nossen eine wirklich schöne Stadt ist, mit einigen historischen Gebäuden und einem Schloss.

Meine Reise nähert sich dem Ende, denn ich erreiche über die B101 relativ unproblematisch die Stadt Wilsdruff, die auch als „Dresdener Tor“ bezeichnet wird. Ich beschließe einen letzten Tankstopp einzulegen und halte in der Mitte von Wilsdruff an einer Tankstelle. Als ich von meinem Motorrad steige fallen mir sofort einige Jugendliche auf, die am späten Nachmittag mit ihren „Ischen“ an der Tanke rumhängen, Bier trinken und rumgröhlen. Primitives Gesocks. Verlierer die an Tankstellen rumhängen und die Leute belästigen, die gibt’s wohl überall. Vermutlich sogar länderübergreifend, aber in Sachsen erscheinen sie mir irgendwie besonders schlimm.

Ich wollte eigentlich eine längere Rast einlegen und nochmal den Ölstand kontrollieren, aber da ich scheinbar Ziel des Gespötts der Verlierertruppe werde fahre ich lieber weiter und einige Kilometer weiter finde ich eine andere Tankstelle. Ich stelle das Motorrad ab und stetze mich hin, lehne mich an die Wand und trinke einen Schluck Wasser, während ich gemütlich eine Kippe rauche. Dann hält ein Wagen neben mir und ein älterer Mann mit grau gelocktem Haar steigt aus. Ich bemerke sofort, dass er an der Enfield Interesse hat und ich weiß, er wird mich gleich anquatschen. Das passiert mir mit der Enfield recht häufig. Manchmal ist es angenehm, manchmal aber auch unangenehm. Das hängt ganz davon ab, wer mich anspricht.

Diesmal ist es aber sehr angenehm, der freundliche Mann fragt mich, ob er ein Foto von der Enfield machen darf: „Sowas sieht man nicht allzu oft“. Natürlich erlaube ich es und er schießt ein paar Fotos. Er fragt noch wo ich herkomme und erzählt noch ein wenig von früher. Ich erwähne, dass ich auch noch eine MZ habe und so plaudern wir flüchtig über die alten DDR Krafträder. Irgendwann muss er weiter und ich muss es auch.

Noch neun Kilometer bis Dresden, Endspurt. Ich habe keine Lust mehr auf die Karte zu schauen und den Weg zu fahren, wie ich ihn mir zurechtgelegt hatte, also fahre ich einfach nach Schildern. Und es stimmt: Wilsdruff ist wirklich das Tor nach Dresden, denn kurz hinter der Stadt verwandelt sich die Straße in ein stetiges Gefälle, hinein ins Elbtal und es geht so weit bergab, dass es dort früher nicht einmal Westfernsehen gab.

Dann bin ich endlich an der Elbe, sehe die Schilder, die ich bei früheren Besuchen schon gesehen habe und dann geht alles wie im Flug: Ich bin da.

Also ich ankomme inspiziere ich noch kurz das Motorrad und beschließe morgen auf jeden Fall noch Schlauchschellen zu kaufen. Das mit dem Ölaustritt aus der Ölrückführung und -entlüftung kann so nicht weitergehen. Ich messe noch den Ölstand und stelle fest, dass er zu niedrig ist, weil ich auf den letzten 50 Kilometern ziemlich Gas gegeben habe. Also nochmal 300 ml nachgekippt und gut.

Ein Blick auf die Uhr: Kurz vor acht. Also rund 14 Stunden und übrigens 580 Kilometer, wobei 520 Kilometer geplant waren. Bei besserer Beschilderung hätte ich es wohl auch in 12 Stunden schaffen können. Aber das ist mir ziemlich egal, ich bin glücklich ohne größere Probleme angekommen zu sein. In einer der schönsten Städte Deutschlands. In Dresden.