Jetzt aber los. Es ist kurz nach 16 Uhr und irgendwie ahne ich schon, dass ich mich ein paar mal verfahren werde, auch wenn ich die Strecke aus dem Spessart in den Odenwald mit dem Milestone ein paar Mal durchgegangen bin. Die KLX ist schnell gesattelt, ich verabschiede mich nochmal von Aaron Lang, der mir das vielfältige durchtesten von Honda Motorrädern ermöglicht hat. Da ich schonmal in der Gegend bin, habe ich mich mit Patrick, Boris und Alexander verabredet am folgenden Tag ein wenig durch den schönen Odenwald zu bollern.

Ich drehe den Schlüssel um und in dem Digitaldisplay der kleinen Enduro blinkt die Anzeige „FUEL“ auf. Ach ja, da war ja was. Also fahre ich noch direkt an die nebenan gelegene Tankstelle, und fülle den Tank bis zum Anschlag. Dabei fällt mir wieder auf, wie fantastisch der Verbrauch der KLX ist – im Schnitt 3,4 Liter auf 100 Kilometer, das schont den Geldbeutel.

Den ersten Teil der Strecke lege ich auf der Autobahn zurück, bis ich irgendwann auf die Landstraße schwenke. Ich überhole eine XJ Diversion, die dann einige Zeit hinter mir fährt, dann trennen sich unsere Wege. Ich verfranse mich mehrmals, irgendwie komme ich mit der fehlenden Beschilderung nicht gut klar, aber ich habe ja mein Milestone und Zugriff auf Google Maps. Das zusammen mit dem eingebauten GPS Modul sorgt dann mehrere Male für Klarheit und irgendwann erreiche ich endlich das kleine Örtchen und sehe kurz darauf das hölzerne Tor, dass ich noch von der Twitaly Tour kenne. Ich halte an und werde sofort von Patrick und Boris vom Fenster im ersten Stock aus begrüßt. Dann öffnet sich das Tor und ich rolle in die heiligen Hallen, die mit Monkeys, Flugzeugmodellen, Racertape, Rockabilly Postern und Motorrädern gefüllt sind.

Absteigen, abrödeln, ein wenig Benzinsprech, Bier in der Hand, so muss das sein. Die Abendplanung ist schnell beschrieben: Ab in den Proberaum, Krach machen, Bier trinken, danach grillen. Jeah, besser geht’s nicht. Als das Bier alle ist, steigen wir in den Wagen, holen noch Wolfgang, den Gitarristen ab und düsen Richtung Proberaum. Dort angekommen bestaune ich erstmal die wunderschöne Honda XL 500 des zweiten Gitarristen – sehr gut erhaltene Karre, oldschool Enduros sind toll! Dann begeben wir uns hinein, ich darf mir einen Bass schnappen und versuche mich so gut es geht in die alternative Rockmusik zu integrieren. Die Riffs sind teilweise nicht einfach, dennoch kriege ich das irgendwie auf den Pinn… tut gut mal wieder Musik zu machen, fehlt mir doch irgendwie, aber die Zeit, die liebe Zeit. Nach einer kurzen und ziemlich erbärmlichen Schlagzeugeinlage meinerseits entdecke ich eine alte Yamaha Orgel. Yamaha, bauen die nicht auch Motorräder? Zufall, oder was? Eigentlich wollen die Anderen schon wieder Heim fahren, doch einmal will ich diese Orgel noch hören und so stecke ich das Kabel des Basses einfach in den Main-Out des altertümlichen Tasteninstruments. Ich klimpere ein wenig Blues, dann ein wenig Bach und irgendwann steigen die anderen mit ein. Klingt ganz gut, den scheiß, den wir da spielen. Irgendwann endet das improvisierte Lied, war schön, hat gerockt, so mag ich es.

Dann fahren wir zurück. Boris ist an diesem Freitag dazu verdammt die angetrunkenen Bandmitglieder und mich – ebenso angeschickert – zum heimischen Haus zu fahren. Dort angekommen wird der Grill angeworfen und Wolfgang legt seine Steaks auf den Grill. Schon vorher hatte ich mich ein wenig mit ihm ausgetauscht, da wir beide gern kochen und Patrick ihn als Steakkönig bezeichnet hat. Er legt die Steaks vorher ein. Das werde ich auch mal probieren, vorallem wo ich weiß, dass wir beide eine Leidenschaft für Rosmarien teilen.

Ein Slotcar-Foto von Alexander

Patrick, Boris und Melli + Sohnemann – die gemeinsam mit zwei wunderschönen Hunden das in zwei Wohnungen aufteilte Haus bewohnen – haben unten im Keller eine schöne Bar gebaut. Dort setzen wir uns, trinken gemütlich ein paar Bier und quatschen, während Alexander, der gerade erst dazu gestoßen ist, versucht ein paar schöne Bilder von der Slotbahn zu schießen. Die Runde ist heiter, es scheint, als freuen sich alle darüber, dass endlich Freitag ist und die Party nimmt ihren Verlauf. Irgedwann kommen die ersten Fleischstücke vom Grill auf den Tisch und ich koste eines der berühmten Steaks, die tatsächlich sehr lecker sind – butterweich, mit einem leicht zwiebeligen Geschmack – einfach gut. Ich weiß, manche finden es zweifelhaft, aber es geht doch nichts über ein gutes Stück Fleisch. Wäre der Mensch ein Pflanzenfresser, dann hätten wir ein anderes Gebiss – das sagt zumindest Steffi immer und da gebe ich ihr vollkommen recht.

Nach dem Essen setze ich mich wieder an die Bar und trinke mit Patrick und Alexander ein paar Ouzo. Die Stimmung ist ausgelassen und ich fühle mich in dieser Runde gut aufgehoben. Ein paar alte Erinnerungen an Italien kommen hoch, schade, dass Stephan nicht hier ist, dann wäre die Runde komplett. Eigentlich ist es wirklich blöd, dass wir alle nicht näher beieinander wohnen und uns nicht häufiger sehen können. Egal, ich bin hier, es ist jetzt und die Zeit ist gut. Mit diesen Gedanken taumele ich zufrieden die Wendeltreppe zu Patricks Wohnung hinauf und falle in das von Patrick bereitgestellte Gästebett, versuche noch ein wenig Last.fm zu hören, bis ich vermutlich vor dem Ende des ersten Songs einschlafe. Ein typischer Freitag Abend.

Am nächsten Tag erwache ich ziemlich früh mit Musik in den Ohren. Der erste Blick auf’s Handy und ich denke „FAIL“ – ich habe wirklich die ganze Nacht Last.fm Musik über die Datenleitung des Telefons gestreamt und dabei gepennt. Die Tatsache, dass ich gerade meine 200 Megabyte Freigrenze bis zur Drosselung auf GPRS überschritten habe, weil ich schlichtweg eingepennt bin wurmt mich doch etwas. Egal. Sowas passiert, also schalte ich die App aus, drehe mich nochmal um und schlafe weiter.

Irgendwann klappt das dann mit dem Schlafen nicht mehr und ich stehe auf, ziehe mich an und gehe in den Innenhof. Dort treffe ich Melli, die mir glücklicherweise einen Kaffee anbietet. Ein Morgen ohne Kaffee geht gar nicht. Alex ist mit Boris und seinem Sohn zum Fußball, Patrick schläft noch, also vertreibe ich mir die Zeit mit Kaffee und einer Zigarette. Als ich dann nach oben in Patricks Wohnung gehe, ist er wach und macht uns noch mehr Kaffee. Wir quatschen ein wenig und warten darauf, dass Alexander mit Boris vom Fussball der Kids zurück kommt, twittern dabei ein wenig und sprechen über die Twitaly XXL Tour. 13000 Kilometer in drei Monaten. Das wird fett!

Dann kommen Alex und Boris zurück, wir gammeln noch ein wenig herum und begeben uns dann langsam nach unten zu unseren Motorrädern. Es ist ungewöhnlich Patrick nicht auf seiner SR 500, sondern auf so einem Reiseendurovieh zu sehen. Die Ténéré ist sicherlich ein klasse Mopped, aber seit ich mit der KLX unterwegs bin, erscheint mir alles über 150 Kilo bereits als monströses Dickschiff. Egal, Hauptsache es rollt. Die Tour hat Patrick auf dem Garmin eingespeichert und das Gerät wird uns führen. Passt irgendwie zur Ténéré.

Wir fahren unsere Maschinen aus der Garage und bollern gemütlich los. Erstmal raus aus dem Ort und danach erfreuen uns der ersten Kurven. Es geht ziemlich zügig vorwärts, aber ich komme mit der kleinen 250er KLX gut mit. Übermotorisiert sind wir alle nicht. Eine SR 500, eine Ténéré, eine 250er Enduro und eine alte CB 400 von Honda. Keiner hat mehr als zwei Zylinder. Passt.

Unsere erste Pause im Odenwald

Kurz nach einer ziemlich fiesen Kurve halten wir das erste Mal an. Zeit zum quatschen, rauchen, fotografieren und Zeit, um den Kaffee wieder loszuwerden. Ich sehe mir in der Pause die Ténéré etwas genauer an. Später recherchiere ich im Internet, was dieses seltsame Wort überhaupt bedeutet: Die Ténéré ist eine Sandwüste in der südlichen Sahara im Norden Nigers und wird auch die Wüste der Wüsten genannt. Der Name Ténéré stammt aus der Sprache der Tuareg und bedeutet „Land da draußen“, was sich aber auch einfach als „Wüste“ übersetzen lässt. Jedenfalls hat die Yamaha einen guten Ruf, vielleicht werde ich sie heute ja noch probefahren.

Dann geht es weiter und wir bollern durch die schöne Landschaft und fahren ein paar heiße Kurven. Das Wetter spielt bis jetzt mit, es ist sonnig, aber nicht zu warm. Kurz darauf erreichen wir eine Ortschaft und trotz Navigation verfahren wir uns. Ob es daran liegt, dass Patrick und ich die Maschinen getauscht haben und ich mit dem Navigationsgerät von Garmin überhaupt nicht zurecht komme, soll dabei mal ein Geheimnis bleiben. Nach einigem hin und her beschließen wir einfach ohne Navigation weiterzufahren, schließlich sind Patrick und Boris ja nicht ortsfremd. Das mit dem Garmin war so oder so nur ein Test von Patrick.

Patricks Spielzeug, ein Garmin GPS Gerät

Die Ténéré fährt sich übrigens recht unspektakulär, mir wäre sie aber für das Gelände zu schwer. Gegenüber anderen Reiseenduros ist sie zwar noch relativ leicht, war aber nicht so einfach zu fahren, wie z.B. die aktuelle TransAlp von Honda. Der Schwerpunkt schien mir etwas höher zu liegen. Patrick hingegen war von der KLX sehr angetan. Die KLX ist halt ein draufsetzen und sicher fühlen Motorrad – 138 Kilo Kampfgewicht sind halt etwas komplett anderes, als so ein Reisedampfer. Wir planen ja in drei Jahren eine 3-monatige Tour um das Mittelmeer zu machen – ich werde mir kein Dickschiff antun und auf jeden Fall die KLX oder etwas vergleichbares nehmen. Weniger ist manchmal mehr. Entschleunigung kann auch schön sein.

Nachdem wir an einer Tankstelle die Krafträder wieder getauscht haben, geht es weiter und nach einer anspruchslosen, aber kurzen Strecke, erreichen wir endlich eine schön kurvenreiche Abfahrt, so wie ich sie teilweise auch aus dem Sauerland kenne. Einfach nur genial und so geht es die nächsten 10 Kilometer weiter. An einer recht steilen Bergauffahrt komme ich dann mit der KLX nicht mehr wirklich gut mit. Der Abstand zu Patrick wird immer größer und ich muss immer zwischen dem 5. und 6. Gang hin und her schalten. Der Tacho klettert im 5. dann auf 95 Km/h, wenn ich dann aber wieder in den 6. schalte, dann sinkt die Geschwindigkeit wieder auf 90 Km/h ab. Die Programmierung des Steuergeräts ist werksseitig nicht wirklich günstig gewählt. Bis zum 4. Gang ist alles super, aber der 5. und 6. Gang sind einfach wie zugeschnürt. Mein Entschluss der kleinen 250er ein paar Pferdchen mehr in den begrenzten Hubraum zu pressen wächst. Gerade bei solchen Bergauffahrten ist ein wenig mehr Druck und mehr Drehfreude wirklich hilfreich.

Kurven im Odenwald.

Irgendwann ist der höchste Punkt des Berges erreicht und über weitere schöne Kurven geht es wieder hinab ins Tal. Dort angekommen halten wir bei einem netten Café und nehmen einige Erfrischungen zu uns. Die Hälfte der Tour liegt nun bereits hinter uns, da ist die Pause willkommen und wird natürlich zum fotografieren und twittern genutzt. Der Wirt erzählt uns noch kurz von seinen Plänen seine Wirtschaft mehr auf Motorradfahrer auszurichten, das freut mich, denn Motorradfahrer muss man nicht nur als „die bösen Rocker mit den lauten Motorrädern“ sehen, sondern auch als Wirtschaftsfaktor. Gerade in Gegenden, wo gerne Motorrad gefahren wird und die touristisch interessant sind hat das echt Potential – siehe Schwarzwald.

Nach der Pause geht es weiter und es folgen bald die nächsten Kurven, die wir sehr zügig durchfahren können. Danach kommt ein Stück, wo sich leichte, aber auch ziemlich krasse Kurven abwechseln. Solche Strecken mag ich sehr, es ist schön vor einer Kurve gut zu bremsen, mit dem richtigen Speed durchzuziehen, um am Ende das Gas wieder voll aufzureißen. Und das schönste: Mit der kleinen KLX muss ich überhaupt nicht darüber nachdenken, wieviel Gas ich gebe, ich geb einfach alles und es passt wunderbar.

Nach dem schönen Streckenabschnitt halten wir nochmal. Boris verabschiedet sich, er wird die schnelle langweilige Bundesstraße nutzen, um vor uns wieder Zuhause zu sein. Er will den Grill schonmal vorbereiten. Nur noch zu dritt fahren wir weiter und nach einem kurzem Stück Bundesstraße biegen wir nach links ab, die Schlussetappe wartet. Der letzte Abschnitt führt uns nach einer weiteren sehr schönen Kurvenstrecke wieder an den Anfang der Tour. Oben auf dem Berg halten wir nochmal an und genießen die Aussicht. Der Odenwald ist nett. Ich fühl mich so oder so immer ein wenig Zuhause hier – sieht ja ähnlich aus, wie im Sauerland.

Die Landschaft im Odenwald.

Dann bollern wir mit ordentlich Speed Richtung Heimathafen, wo der Grill bestimmt schon angeheizt ist und das Bier kalt steht. Darauf freue ich mich. Als wir dann am Hof angekommen sind, tausche ich noch kurz mit Alex das Motorrad und wir fahren noch ein paar Kilometer. Ich erfreue mich am wunderbaren Motorlauf der alten Honda, die haben damals schon echt nette Motoren gebaut, während Alex mit der KLX ein brach liegendes Feld entjungfert. Auch er scheint von dem kleinen Stoppelhopser recht angetan. Dann geht’s zurück und das Abendritual solcher Touren lässt nicht lange auf sich warten: Totes Tier vom Grill und ein leckerer Hopfentrunk. Wir essen, trinken und quatschen, retrospektieren über die Tour und lassen den Abend lässig ausklingen.

Ich drehe im Garten noch eine Runde mit der Monkey, was ziemlich witzig ist. Seltsam zu fahren und vermutlich bin ich auch viel zu groß für das kleine Teil. Wenn man überlegt, dass Boris, Patrick und auch Alex damit schon Touren gefahren sind… irre. Von meiner wackeligen Fahrt gibt es sogar ein denkwürdiges Fotos.

Denkwürdig: Ich auf einer Monkey

Dann verbrennen Boris und Patrick bei einer sehr feierlichen Zeremonie ihre alten Werkstattjacken, die es definitiv schon länger hinter sich haben. Totgesagte leben länger, aber irgendwann ist jede Werkstattjacke aufgetragen, spätestens dann, wenn der Stoff vom Öl regenfest geworden ist.

Am nächsten Morgen hängen wir noch eine Runde zusammen ab, bis ich schließlich mein Eisenpferd sattele und mich von Melli und Boris herzlich verabschiede. Ich hoffe ich kann mich für die Gastfreundschaft von Boris, Melli und Patrick alsbald revangieren. Es war ein tolles Wochenende und insgesamt eine schöne Tour. Patrick und Alex begleiten mich noch ein Stück Richtung Autobahn, da die Beiden noch auf ein Oldtimer Treffen wollen. Nach einem letzten gemeinsamen Tankstopp verabschieden auch wir uns und ich mache mich auf die langweilige Rückreise. Es geht unspektakulär über die Dosenbahn und nach ein paar Stunden erreiche ich mein Zuhause. So schön es auch war: Heimkommen ist auch immer etwas gutes.

Hier noch die geografischen Details der Odenwald Tour 2010:
OdenwaldTour.gpx [kml] (bzw. bei Google Maps)

Weiteren Lesestoff und Bilder hier:

Handwaschpaste (Patrick und Boris)
Abgeschweift (Alexander)

Die Fotos sind übrigens alle von Alexander, irgendwie bin ich selbst nicht zum fotografieren gekommen. Danke, Alex!