Glas und Gummi vertragen sich nicht. Glas ist hart und meist durchsichtig, Gummi zumindest in Reifenform schwarz und weich. Treffen diese Materialien aufeinander herrscht Krieg. So auch am Mittwochabend, als ich mit meiner kleinen Kawa zu einer Besprechung wegen des Nebenjobs fahre.

Einen Kilometer vor dem Ziel vibriert das Vorderrad plötzlich sehr seltsam, und als ich langsamer werde, bemerke ich ein sehr regelmäßig auftretendes *klong*. Ein Blick nach unten bestätigt meine Befürchtung: Glasscherbe eingefahren. Als die Maschine zum stehen kommt, höre ich es bereits zischen.

Das was mal ein Flaschenhals war steckt nun seitlich in meinem Reifen, direkt zwischen zwei Stollen. Mit der Hacke kicke ich das Teil ab, das Zischen wird stärker. Also schnell wieder rauf auf die KLX und die letzten Meter zu meinem Kumpel mit der restlichen Luft schaffen. Klappt nicht ganz, aber ist ja bei Stollenreifen nicht so das Problem.

Fluchend steige ich von der Kawa und wünsche den ganzen dummen Flaschen-McDonalds-Pommes-Kaugummi-Dosen-Kondome-Atommüll-auf-die-Straße-schmeißenden-Arschlöchern die Pest an den Hals und Ratten an den Sack. Arschgeil, so ein kaputter Reifen, wenn der nächste Tag ein Feiertag und es bereits nach 18 Uhr ist. Welcher Heckenpenner ist so dämlich und schmeißt eine leere Flasche einfach auf die Straße?

Hilft alles nichts, erstmal runterkommen, Kaffee, Kippe, Besprechung und danach überlegen was zu tun ist. Im Grunde gibt's aber nur eine vernünftige Lösung: Das Vorderrad ausbauen, am Freitag den Reifen reparieren oder austauschen, zurückfahren und wieder einbauen. Problem und Ärgernis der ganzen Geschichte ist, dass ich am Freitag eigentlich auf den Bundespartei der Piratenpartei fahren will, ich hoffe daher, dass ich es am Freitag irgendwie noch hinkriege die KLX wieder fahrbereit zu machen. Gesagt getan, die KLX nimmt Platz auf einer Sprudelkiste und das Vorderrad ist schnell ausgebaut und wandert in den Kofferraum von Kais Audi, der mich dann gnädigerweise noch kurz nach Hause fährt.

Am Freitagmorgen stehe ich früh auf, werfe das Hinterrad in Steffis Dacia und fahre in die Stadt, wo es einen Reifenhändler gibt, der auch Motorradreifen hat. Als ich auf den Hof fahre sieht alles sehr verlassen auf und in der Tat, ein kleiner Zettel weist mich darauf hin, dass die Jungs ein langes Wochenende eingelegt haben. Verdammt. Also weiter nach Yamaha Aster in Menden. Nach kurzem erklären des Problems, sieht sich der Werkstattmensch den Reifen an und meint, es wäre besser ihn auszutauschen, aber leider haben sie den relativ seltenen Dunlop nicht auf Lager. Aber ich bekomme ein paar Tipps, wo ein solcher Reifen eventuell zu bekommen ist. In Menden gibt es noch einen anderen Reifenhändler und in Unna noch Reifen Fuchs, der sehr kompetent sein soll.

Ich habe nicht viel Zeit, also fahre ich den Händler hier in Menden an, doch leider kann er mir nicht helfen, er hat den Reifen nicht auf Lager. Also auf nach Unna zu Reifen Fuchs.

Den Weg finde ich dank Android-Smartphone mit Navigation ohne Probleme und bin erstaunt, als ich den Reifenspezi erreiche: Es handelt sich um eine richtig urige Hinterhofwerkstatt. Ich weiß nicht warum, aber so was strahlt auf mich immer mehr Kompetenz aus, als die geleckten Werkstätten der Großen. Nicht das die nicht kompetent wären, aber so eine richtige Hinterhofwerkstatt hat eben ein besonderes Flair.

Ich werde freundliche von einem älteren Reifenspezi empfangen, der sich meinem Problem sofort annimmt und den Reifen begutachtet. "Wir machen den Reifen mal runter, und schauen wie schwer die Karkasse beschädigt ist", sagt er und lässt seinen Worten entsprechende Taten folgen. Die Felge wird auf die Maschine gelegt und nachdem ein paar Markierungen gesetzt sind ist der Reifen ruckzuck runter. Die Innenseite ist kaum beschädigt, ein lediglich etwa 4 Millimeter kleiner Schnitt ist zu sehen. Ganz im Gegensatz zur Außenseite: Dort hat die Glasscherbe zwischen den Stollen einen ungefähr 2 Zentimeter langen Schnitt erzeugt und zusätzlich auch noch den Stollen beschädigt.

Der Reifen ist natürlich auch bei Reifen Fuchs nicht auf Lager, aber mir wird der Vorschlag unterbreitet einfach einen neuen Schlauch einzuziehen und es zu probieren. Ich muss genau beobachten, wie sich die schadhafte Stelle verhält, ob sich der Schnitt weiter ausdehnt, oder nicht. Einen ersten Belastungstest machen wir, nachdem der Reifen mit einem neuen Schlauch versehen ist: Unna, 3 Bar Luftdruck, der Reifen hält. Okay, aber etwas mulmig ist mir schon. Dann wird der Reifen noch gewuchtet, übrigens so richtig oldschool, so wie ich es auch in der Garage machen würde: Steckachse durch, und auf eine gerade Halterung gelegt und mit viel Gefühl schauen, wohin der Reifen sich dreht. Echt cool.

"Wenn er nicht hält, ruf einfach an, dann bestellen wir den, dauert 2 Tage", wird mir nach dem Bezahlen der 22 Euro für den Schlauch und das Wuchten mit auf den Weg gegeben. Dann mache ich mich wieder auf Richtung Heimat und lasse mich von Steffi mit dem geflickten Rad zum Motorrad fahren. Mit ein wenig Schützenhilfe von einem Kumpel, der den Freitag in der Firma die Stellung hält, ist die Felge schnell wieder montiert und vorsichtig fahre ich los. Nach ein paar Kilometern ohne große Schräglagen halte ich an einer Tankstelle und sehe mir den Reifen an. Noch tut sich nichts. Alles wie gehabt. Hm.

Auf dem Weg nach Hause fahre ich durchs Hönnetal und lege mich ein paar Mal in die Kurven. In der Mitte gibt es einen kleinen Parkplatz, wo ich nochmals anhalte und den Reifen überprüfe. Es tut sich nichts. Trotzdem bin ich innerlich zerrissen, ob ich es wagen kann mit diesem Schnitt im Gummi heute noch knapp 300 Kilometer über die Autobahn zu brezeln. Normalerweise bin ich bei so was nicht zimperlich, ich erinnere mich in solchen Situationen immer wieder gerne an 1.500 mit einem Kolbenfresser zurückgelegte Kilometer, aber das ist auch etwas anderes, als Defekte am Reifen, oder an der Bremsanlage. Ist der Motor platt, geht’s halt nicht mehr weiter, verliert der Vorderreifen schlagartig Luft, kommt auch der Asphalt schlagartig näher.

Dennoch bin ich Zuhause angekommen der Meinung, dass ich das Risiko in kauf nehmen kann. Ich bin da wie bereits erwähnt meistens doch recht schmerzfrei. Allerdings hat sich meine Lebenssituation in den letzten zwei Jahren doch in soweit verändert, dass ich nicht mehr nur mir selbst gegenüber verantwortlich bin. Da sind immerhin die Kinder und Steffi. Sie ist da nicht ganz so schmerzfrei, idealistisch und blauäugig, das sehe ich an ihrem kritischen Blick. Lange Zeit sitze ich nachdenklich in unserer kleinen Raucherlounge, wie wir es nennen, und hadere mit mir. Soll ich noch fahren, soll ich nicht, was wenn sich der Schnitt unterwegs vergrößert und der Schlauch austritt, oder platzt?

Letztendlich treffe ich die Entscheidung nicht nach Bingen zu fahren. Ich bin mit dem Reifen nicht mal 20 Kilometer unterwegs gewesen und kann absolut nicht einschätzen, wie sich der Defekt weiter entwickelt. Das Risiko ist mir eindeutig zu hoch. Dann lieber ganz in Ruhe und vor allem nicht weit von der heimischen Garage entfernt schauen was das Gummi so macht.

Auch wenn es schade ist, es ist besser so.