Nun bin ich mit dem Ural Gespann 1.000 Kilometer gefahren, Zeit also einen Erfahrungsbericht zu liefern. Was also habe ich in diesen drei Wochen gelernt, erlebt und wie denke ich über die Ural? Hat sich der Kauf gelohnt? Ist schon was kaputt? Ist Gespannfahren schwierig? Und gibt es wirklich kein Bier auf Hawaii?
Ich schrub ja bereits, dass ich mit der Ural ins kalte Wasser springen musste und mich meine erste richtige Fahrt im öffentlichen Straßenverkehr gleich 150 Kilometer von Verden nach Hause führte. Nun, ich habe das ja ohne Probleme überstanden, war allerdings nach der Fahrt erstmal ziemlich erschöpft, so als wäre ich 400 Kilometer mit der Enfield gefahren.
Das ist die erste Erfahrung, die ich gemacht habe: Gespannfahren ist am Anfang ziemlich anstrengend, sowohl körperlich, als auch geistig. Das Lenken braucht Kraft, das Fahren noch mehr Aufmerksamkeit als sonst. Das schöne ist aber: Es wird besser. Mit der Zeit erschließt sich das Prinzip des Lenkens mittels Gas geben und Gas wegnehmen, was das Lenken sehr erleichtert, denn die Masseträgheit lehrt uns: Der Beiwagen will weiter fahren obwohl wir bremsen und er bremst uns, obwohl wir Gas geben. Und nach einigen hundert Kilometern wird dann klar: Das muss auch so! Denn es macht tierisch Spaß das auszunutzen und hilft uns flott um die Ecken zu kommen.
Dann habe ich natürlich die Sache mit dem Beiwagen versucht. Also erstmal ab auf einen leeren Parkplatz, Rechtskurven üben, bis der Beiwagen in der Luft hängt und siehe da: Es ist relativ problemlos möglich eine Kurve auch nur auf zwei Rädern zu durchfahren, wenn der Impuls gegenzulenken ignoriert wird. Allerdings darf natürlich auch hierbei nicht übertrieben werden, das ist ja logisch. Inzwischen klappt das mit dem Beiwagen übrigens wirklich gut, wenn ich es möchte, allerdings versuche ich dennoch es zu vermeiden, weil diese Art zu fahren die Radlager und Felgen stark belastet.
Linkskurven hingegen nehme ich immer mit dem nötigen Respekt und einigem Körpereinsatz, indem ich mich vor der Kurve anders hinsetze und mich nach Links lehne – zumindest bei höheren Kurvengeschwindigkeiten. Dabei habe ich es noch nicht geschafft, dass das Motorrad anfängt über den Beiwagen zu kippen und ganz ehrlich: Das ist auch gut so und ich habe es auch noch nicht versucht, weil der Grenzbereich hier einfach viel zu eng ist – ich finde es ist zu gefährlich das auszuprobieren, muss ich nicht können.
Die ersten Regenfahrten waren dann auch nochmal interessant: Bei nasser Straße lässt sich gut driften. Sowohl linksrum, als auch rechtsrum und der Beiwagen kommt nicht mehr hoch, weil das Gespann vorher anfängt zu schmieren. Auch das ist nicht ungefährlich, macht aber Spaß, solange sich das Gespann unter dem Grenzbereich aufhält.
Ein weiteres Schlüsselerlebnis hatte ich in einer leichten Rechtskurve, in der es bergab ging und bei welcher die Straße nach links recht stark abschüssig war. Solche Kurven sind gefährlich, wenn sie nicht mit der nötigen Vorsicht durchfahren werden, denn der Beiwagen kommt viel schneller hoch und durch die schräge Fahrbahn sagt der Kopf noch zusätzlich, das weiter nach rechts lenken jetzt gerade keine gute Idee ist. Ich sag’s mal so: Gut, dass kein Gegenverkehr kam. Ich hätte wahrscheinlich noch ausweichen können, aber darauf war ich total unvorbereitet. Also Obacht bei solchen Kurven!
Nach ungefähr 700 Kilometern bin ich dann, weil ich es eilig hatte doch mal auf die XJ gestiegen und war sehr erstaunt, wie einfach und präzise ein Solomotorrad im Vergleich zu einem Ural Gespann lenkbar ist. Und wie leicht eine Schaltung zu bedienen sein kann, und wie gut Scheibenbremsen funktionieren. Ich bin ja wirklich täglich mit der Ural gefahren und habe mich deshalb schnell an diese Art zu fahren gewöhnt, aber bei der Fahrt mit der XJ wurde mir klar, wie unglaublich anstrengender und anders das Gespannfahren ist. Das Tolle aber wieder: Du gewöhnst dich einfach daran, es wird zur Normalität und es macht auch noch Spaß!
Jetzt nach 1.000 Kilometern mit der Ural muss ich sagen, dass mir das Fahren inzwischen wirklich leicht fällt und es nun einfach nur noch tierisch Bock bringt. Es ist schön geradeaus zu fahren, den breiten Fehling Lenker fest umschlossen und neben mir das Boot, es ist schön Kurven zu fahren und dabei mit seinem Körper zu agieren und es ist schön, wie die Leute ungläubig glotzen, wenn sie dieses kernige Alteisen und vorallem sehen, wie ich rückwärts ausparke, wobei der Klang der Ural übrigens auch richtig lecker ist. Einfach ein geiler Eisenhaufen. Eigentlich unfahrbar, aber es fährt.
Technisch hatte ich auch schon wie zu erwarten einige kleinere Problemchen. Manchmal läuft sie nicht gut, was ich zuerst auf den zu heftigen Einsatz des zu fetten Chokes geschoben habe. Ohne morgendlichen Choke Start ging es dann auch einige Zeit gut, doch dann fingen die Aussetzer während dem Übergang von lauwarm zu betriebswarm wieder an. Als nächstes vermutete ich Dreck im Tank, weil mir das zwei Mal direkt nach dem Tanken passiert ist, und es nach dem Reinigen der Hauptdüsen wieder lief. Aber gestern war es dann auch wieder da, obwohl ich nicht getankt hatte. Also bleibt noch der Kondensator übrig, der wohl einen weg hat und nur kalt oder heiß funktioniert, aber nicht lauwarm. Erklärt auch, warum es nach dem Reinigen der Hauptdüsen wieder funktionierte: Ich stand lange genug, dass die Restwärme des Motors den Kondensator genügend aufheizen konnte. Nun ja, ein kleineres Problem, nichts wildes. Der Kondensator wird getauscht und gut.
Dann habe ich noch ein wenig an der Elektrik rumgebastelt, als Leerlaufanzeige war nachträglich eine Birne aus dem Fahrradzubehör in die Instrumententafel gefentert worden, die natürlich nach wenigen 100 Kilometern durchvibriert war. Ich habe die Leerlaufanzeige dann einfach auf eine unbelegte Leuchte gelegt und gut.
Der Ölverbrauch hält sich übrigens auch in Grenzen, ich komme wohl so zwischen 0,6 und 0,9 Liter auf 1.000 Kilometer raus, was okay ist.
Die Technik der Ural ist auf jeden Fall beherrschbar, wenn man sich ein wenig mit Motoren älterer Bauart beschäftigt und auch beschäftigen möchte. Ich denke das ist schon ein Muss, denn wer ein wartungsarmes, pflegeleichtes Fahrzeug ohne Macken sucht, der ist mit einem Japaner besser beraten. Wer allerdings ein kultiges Kraftrad sucht, das gnadenlos einfordert beschraubt zu werden, der ist bei der Ural genau richtig. Womit ich nicht sagen will, das meine Ural unzuverlässig wäre. Die 1.000 Kilometer hat sie bis auf das kleine Kondensator Problem ohne weitere Zicken überstanden. Sie springt sehr gut an, fährt sehr gut, macht Spaß und bietet viele Bastelmöglichkeiten und Alibis um ein Garagenbier zu trinken.
Kurzum: Ich bin sehr zufrieden.
Nun werde ich demnächst einen Ölwechsel machen, das Ventilspiel prüfen, den Kondensator tauschen und die Zündung kontrollieren. Kardanöl könnte sie auch mal gebrauchen, und … naja ich schau einfach mal alles durch, danach geht’s an die Lackierung. Schwarzmatt wird’s wohl werden, wie es aussieht. Die Abstimmung läuft ja noch, bis ich mit der Bestellung der Farben beginne.
Bleibt noch die Frage, ob ich die Ural empfehlen kann… ich denke ich würde sie jemandem Empfehlen, der einen ausgeprägten Hang zu altem Eisen, Klassikern, oder Motorrädern ganz Allgemein hat. Ich würde sie uneingeschränkt jedem Empfehlen, der wie ich kein Auto besitzt und total auf Motorrädern abfährt, Leute wie ich werden sehr sehr viel Freude damit haben.
Bruchstrichfahrer und Saisonherbrenner, die mehr Putzen als Fahren, oder in jeder Kurve mit dem Knie schleifen müssen, werden daran vermutlich keine Freude und auch kein Interesse haben. Und sich so ein Ding zu kaufen weil “Opa/Papa/ich das im Krieg gefahren ist”, ist vielleicht auch ein blöde Idee, schließlich ist es russisch und nicht von der Wehrmacht.
Eine Ural ist irgendwie ein wenig schmutzig, kernig, ungestüm, wie ein Kaltblüter, Richtung Haflinger und ganz bestimmt kein Vollblutaraber. Klar kann sie schön zurecht gemacht werden, aber innen drin bleibt sie eben wie sie ist. Russisches Eisen.
Vielleicht ist das auch der Grund, warum ich mich immer noch nicht entscheiden kann, ob ich nun “Die Russin”, oder “Der Russe” sagen soll?
Tags: bericht, erfahrungen, Gegenwart, gespann, tipps, ural
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schreibt am 17 Okt 2008 um 20:33
Klingen ja gut, deine ersten Erfahrungen.
Und ich bin wirklich froh, dass du die einzige wahre Farbe für die Ural ausgewählt hast.
schreibt am 17 Okt 2008 um 21:58
> Einfach ein geiler Eisenhaufen. Eigentlich unfahrbar, aber es fährt.
Deine Erzählung bringt mich ja wirklich auf abwegige Gedanken… Ein Gespann ist in meinem Kopf die Vereinigung aller Nachteile von Auto und Motorrad in einem Gefährt – so, wie Du das schilderst, definiert aber genau das den Spaß an der Sache.
> Die Technik der Ural ist auf jeden Fall beherrschbar, wenn man sich ein wenig mit Motoren älterer Bauart beschäftigt
Nur schade, daß ich genau damit nichts am Hut habe – sonst würde ich spätestens morgen mal forschen, wo man eine frische Ural schießen kann..
schreibt am 19 Okt 2008 um 06:39
Sehr goile Schreibe! Auf jeden braucht das Teil einen Namen, sowas wie Olga o.ä.
Gruss
schreibt am 19 Okt 2008 um 13:44
Gespannfahren, oder: Wie kommt es, dass ……
… ich jedesmal, wenn ich einen Beitrag wie diesen lese, jedesmal sehr kribbelig werde und mir 1000 Gründe überlege, wie ich meiner Lebensozia ein Gespann begründen könnte. Momentan muss es leider sehnsüchtigen Blicken an Moto…
schreibt am 20 Okt 2008 um 11:02
@Stephan: Die Abstimmung läuft noch, aber ich denke der erste Platz der einzig wahren Farbe ist sicher.
@Michael: Ja, die Fahrphysik eines Gespanns ist einzigartig und genau das bringt den Spaß. Und dabei ist ein Gespann dazu noch durchaus praktisch. Früher musste ich immer irgendjemanden bemühen, wenn ich Bier für eine Party brauchte, heute kann ich mit der Ural locker 4 Kästen selbst holen. :)
Das mit der Technik ist übrigens nicht wirklich kompliziert, das lernst du ganz automatisch, und es gibt viele Internetforen, wo es Hilfe gibt. Aber der Wille zum Schrauben muss schon vorhanden sein, oder eine gute Werkstatt in der Nähe. Die Option Werkstatt ist ja auch noch vorhanden. Die Wartungsintervalle sind allerdings recht hoch. Aber der Kleinkram wie Ventile, Öl, Zündung, … man kriegt schnell raus wie es geht.
@Stevie: Danke, Namen suche ich noch. Kann mich nicht entscheiden. Katjuscha finde ich ganz nett, da es einerseits die russische Koseform von Katharina ist, andererseits der als “Stalinorgel” bekannte Raketenwerfer. ;)
schreibt am 27 Okt 2008 um 20:22
Hallo Marc,
schön das du den 1.000 Kilometer Erfahrungsbericht geschrieben hast.
Ich bin jetzt schon gespannt, wann dein 2000km Bericht kommt,
und wie es dir so ergangen ist mit deinem Russengespann.
Ich war übrigens auch schon bei Moto Moscow und habe ein paar Runden mit
Gernot seiner Gelben drehen dürfen.Natürlich “nur”auf seiner wohl schon berühmten Wiese !
Das hat aber schon mächtig Spaß gemacht.Meine Frau ist im Boot mitgefahren,sie hat gequiekt vor Freude…..oder Angst…??!! Ich war aber schon erstaunt, wie schwer
es ist,solch einen “Hobel”dazu zu bringen, rechts oder links Kurven zu fahren.
Ist dann ja wohl doch“Die Russin”, und nicht “Der Russe” !?
Jetzt warte ich, dass Gernot sich meldet,und mir sagt, dass er ein schönes(günstiges)Gespann für mich hat.
Es wäre schön, wenn es vor deinem 2000er Bericht klappen würde.
Ach so,ich bin durch deinen Bericht auf die Seite von Moto Moscow gekommen.Ob ich das bereuen werde?
MfG Gerd
schreibt am 30 Okt 2008 um 16:06
Ich habe mir vor zwei Wochen diverse Ural-Gespanne beim Ural-Team in Oberhausen angeschaut. Nächste Woche werde ich mir dann eine zulegen, ich freue mich jetzt schon drauf. So ein Teil passt gut zu meinem Käfer (34 Jahre) und zu meiner Vespa (27 Jahre). Beides Teile, an denen immer gebastelt werden muss(te).
Habe aber eine Frage: Was kostet so ein Gespann den in Steuern und Versicherung? Habe schon diverse Webseiten von KFZ-Versicherern durchgeschaut, aber nirgends die passenden Infos gefunden.
schreibt am 30 Okt 2008 um 23:52
Hi Olli, ja das passt gut! :)
Versicherung: Haftpflicht um die 100 Euro im Jahr je nach Versicherung auch etwas mehr oder etwas weniger
Steuern: 46 Euro jährlich
Ziemlich günstig also.
schreibt am 31 Okt 2008 um 14:13
Super, vielen Dank :)
schreibt am 31 Okt 2008 um 14:22
Hallo Olli,
Wie viel Euro muß man denn mindestens ausgeben für ein Ural-Gespanne beim Ural-Team in Oberhausen?
Mein VW T3 ist zwar nur von 1990,aber schön Oliv,also nix modernes und dazu passt ne Ural doch wohl auch prima!!!
Noch ne Frage,wie breit ist ein Ural Gespann denn?Ich baue gerade einen neuen Eingang für meinen Holzschuppen,damit ich irgendwann mal dann das Gespann auch reinfahren kann.
MfG Gerd
schreibt am 03 Nov 2008 um 10:55
Zu den Preisen kann ich nicht viel sagen, aber grundsätzlich: Es fängt bei billigen Gebrauchten an und geht wenn du eine neue kaufst etwa bis 10.000 Euro.
Die Breite eines Ural Gespanns beträgt (z.B. bei der Retro) 163 cm. Um gut in den Schuppen fahren zu können rechne also mal mit 180 cm, dann müsste das passen.
schreibt am 03 Nov 2008 um 14:09
Hi Gerd,
ich habe mir nur die Gebrauchten angeschaut, und die gibt es ab ca 3.600€.
Viele Grüße,
Olli
schreibt am 14 Nov 2008 um 19:36
Hallo Marc,
würdest du mir ein paar Bilder von deinem Gespann schicken.
Meine Emailadresse hast du doch,oder nicht?
Dann wüsste ich was ich für den Preis ungefähr erwarten kann.
Wenn man bei Mobile oder Ebay guckt sieht man für ca. 1.700Euro
doch sehr viel Rost.Vielleicht ist das ja normal,ich weiss es leider(noch)nicht!!
MfG Gerd
schreibt am 17 Dez 2008 um 17:47
Rost ist ab Werk, das muss so. ;)
schreibt am 04 Jul 2009 um 19:44
Hallo,
bin auch seit längerem am 3. Rad interressiert. Glückwunsch zu den ersten UNFALLFREIEN Km.
Aber nun zu Stephan- Zitat: “Und ich bin wirklich froh, dass du die einzige wahre Farbe für die Ural ausgewählt hast.”
Das ist keine Farbe Das ist ein Zustand. (Redewendung meiner Frau)
Gruss
Ottn