Was muss ich da auf SPON lesen? Ein Polizist in Zivil bringt einen Motorradfahrer zu Fall (wobei ihm der Fuß zertrümmert wird), weil der ihn auf einer Linksabbiegerspur überholt hat, ja geht’s noch? Und dann heult der Täter im Prozess noch rum, „Noch einmal vor Gericht, das überstehe ich nicht. Ich habe mit mir selbst zu tun. Dann kommen die Tränen und die Gedanken: ‚Mach Schluss!'“. Stop making mimimi, wer Scheiße baut, muss dafür auch gerade stehen.

Aber eins nach dem anderen, was genau ist passiert? Der Polizist Lutz B. fährt in ziviler Kleidung und einem zivilen Wagen durch Potsdam, als er von dem Motorradfahrer Alexander J. auf einer Linksabbiegerspur überholt wird. Der Motorradfahrer setzt sich vor Lutz B., der bremsen muss, was ihn laut eigener Aussage verärgert.

Als Beide dann an einer Baustelle halten müssen, öffnet Lutz B. die Tür und wedelt mit seinem Dienstausweis, was den Motorradfahrer jedoch herzlich wenig interessiert, denn er setzt seine Fahrt unbeirrt fort. Lutz B. überholt den Motorradfahrer und versucht ihn auszubremsen, worauf Alexander J. den Polizisten überholt. Auf welcher Seite ist unklar, die Aussagen sind an dieser Stelle widersprüchlich.

Also nimmt Lutz B. erneut die Verfolgung auf und setzt sich vor einer Rechtskurve neben den Motorradfahrer und drängt ihn nach rechts ab, „um die Fahrspur allmählich zu verengen“. Das geht schief, Alexander J. kracht vorne rechts in den Kotflügel, das Motorrad zertrümmert ihm den Fuß. Laut Aussage von Zeugen und von Alexander B., konnte er dem Auto nicht ausweichen.

Das Urteil: 60 Tagessätze Geldstrafe, 3 Monate Fahrverbot, ergo – Lutz B. ist nicht vorbestraft, von dienstlichen Konsequenzen ist nichts zu lesen.

Also jetzt mal ganz im Ernst, geht’s noch? Gerade ein Polizist sollte in meinen Augen wissen, was die Phrase „Verhältnismäßigkeit der Mittel“ bedeutet und gerade deswegen sollte die Strafe auch härter ausfallen. Vielleicht kann man Lutz B. höchstens noch zu Gute halten, dass er eigentlich gar kein richtiger Polizist ist, denn ihm obliegt die Wartung der Hardware der Brandenburger Polizei, was mit Straßenverkehrsdelikten nun nicht gerade viel zu tun hat.

Auch die Äußerung des Richters ärgert mich: „Ein Polizeibeamter, der eine Ordnungswidrigkeit verfolgt, tut etwas Gutes in dieser Welt.“

Ich definiere „gutes in der Welt tun“ etwas anders. Vielleicht Tibet von den Chinesen befreien, oder den Hunger auf der Welt bekämpfen, aber nicht das Leben eines Motorradfahrers zu gefährden, nur um ihn zu belehren, oder ein Knöllchen von 15 € zu verpassen.

Aber das ist ja noch nicht alles: Lutz B. und sein Anwalt überlegen nun in Berufung zu gehen, da es sich ja vielleicht auch um eine „Verkettung unglücklicher Umstände“ handeln könnte. Ja ne, is klar… da fehlen mir echt die Worte!

Mir ist übrigens als ich noch eine Auto hatte mal etwas ganz ähnliches passiert: Ich bin von Menden über die Bundesstraße nach Langschede gefahren. Irgendwann wird auf einer langen Gerade die Geschwindigkeitsbegrenzung aufgehoben, bis eine leichte Linkskurve kommt, vor der ein Straßenschild eine Tempobeschränkung von 70 km/h für die nächsten 500 Meter ausweist. Nach der Kurve ist dann wieder ein längeres Stück, wo 100 km/h gefahren werden darf.

Vor mir fuhr ein älterer Herr, natürlich stilsicher mit Hut, der auch brav mit 70 durch die besagte Kurve fuhr. Bis dahin alles kein Problem, bis ich begann ihn auf der Geraden nach der Kurve zu überholen, weil er weiterhin langsam fuhr. Als ich neben ihm bin beginnt der blöde Arsch plötzlich nach links zu ziehen und versucht mich abzudrängen. Ich musste so weit nach links rüber, dass ich schon über die Fahrbahn hinauskam und fast die Begrenzungspfähle mitgenommen hätte. Nur mit Mühe habe ich es geschafft ihn zu überholen, weil er nämlich dabei auch noch – übrigens die ganze Zeit wild gestikulierend – Gas gegeben hat.

An der nächsten Ampel bin ich ausgestiegen und habe ihn gefragt, was der Scheiß sollte. Er antwortete, es wäre dort 70 gewesen. Ja danke auch… lern Schilder lesen du Pfosten und spiel dich nicht als Verkehrspolizist auf. Das war wirklich unglaublich.

Wenn ich mir jetzt vorstelle, dass mir das mit dem Motorrad passiert wäre, … denken die Leute nicht nach? Ich hab kein Blech um mich herum, wenn ich falle, dann falle ich auf die Fresse und nicht in den Airbag.

Ich war damals so aufgebracht, dass ich in meiner Wut vergessen habe mir das Nummernschild aufzuschreiben, ich hätte den Opa gerne angezeigt.

Um auf das eigentliche Thema zurückzukommen: Es ist klar, dass auch der Motorradfahrer sich nicht unbedingt korrekt verhalten hat, aber mal ehrlich, ist es ein so schlimmes Vergehen ein Auto auf einer Linksabbiegerspur zu überholen? Ich hab das – und wer nicht? – auch schon gemacht, wenn die Situation es zuließ, sprich ungefährlich war und ich mal wieder einen von diesen „Schleichern“ vor mir hatte. Und selbst wenn ich damals mit dem Auto das Überholmanöver gestartet hätte, obwohl da 70 gewesen wäre, es wäre einerlei: Die Verhältnismäßigkeit muss gewahrt werden.

Das ich das von einem Opa aus dem Sauerland nicht unbedingt erwarten kann ist mir klar, aber von einem Polizisten wohl schon. Meine ich jedenfalls.

[Update]

Das Blog Motorradrecht.de hat ebenfalls über diesen Fall berichtet, in den Kommentaren findet sich ein interessanter Link, der zu einem ähnlichen Fall führt, zwar eine Spur härter noch, aber auch wesentlich härter bestraft. Viel Spaß beim Lesen und der Erkenntnis, wie sowas geahndet werden kann und sollte.

Außerdem möchte ich noch hinzufügen, dass auf den Polizisten mit großer Wahrscheinlichkeit noch ein Disziplinarverfahren zukommen wird, wie ein Teilnehmer des Enfield Forums – ebenfalls als Polizist tätig – berichtete.