Der nächste Morgen beginnt mit kaltem, aber wenigstens trockenem Wetter und immer noch schmerzenden Knien. Nachdem ich mich aus dem Schlafsack gequält habe und Kaffee aufgesetzt habe, frühstücken wir zum letzen Mal gemeinsam. Die Anderen beklagen sich über die Kälte in der Nacht, wobei ich wirklich nicht klagen kann, aber ich habe ja auch meinen Winterschlafsack mitgenommen und ich war auch durch die Luftmatratze zusätzlich vor der Kälte geschützt. Tja, man wird ja nicht jünger, da ist ein wenig Campingkomfort schon nicht verkehrt.

Nachdem Frühstück geht es an’s Zusammenpacken und als endlich wieder alles auf den Motorrädern verstaut ist, brechen wir nach einem Abschlussfoto mit Selbstauslöser auf. Wir steuern zuerst die Tankstelle im Ort an und glücklicherweise schaffe ich es sogar noch bis zur Zapfsäule. War aber knapp. Einen halben Liter hatte ich noch.

Nach dem Tanken fahren wir weiter und erreichen schließlich die Schwarzwaldhochstraße. In Feldberg steht groß und unübersehbar ein Schild, auf dem geschrieben steht “Passhöhe 1277 Meter”. Aufgrund unserer vorangegangenen Alpenerfahrung können wir darüber nur noch müde lächeln.

Die Schwarzwaldhochstraße zieht sich heute wie Kaugummi und meine Knie schmerzen unerträglich. Und das bereits jetzt, obwohl noch 350 Kilometer vor mir liegen. Glücklicherweise halten wir kurz darauf an, um uns die Regenklamotten überzuziehen. Das Wetter wird schlechter und es beginnt zu tröpfeln. Hoffentlich bleibt uns heftiger Regen erspart, aber die grauen Wolken über uns lassen anderes vermuten. Dann fahren wir weiter und die gewundene Bundesstraße, die gelegentlich durch kurvige Streckenabschnitte aufgepeppt wird, bringt uns zügig der Autobahn entgegen. Aber nicht so zügig, wie ich es mir wünschen würde.

Letztes gemeinsames Essen in einer Dönerbude im Schwarzwald.In der Mittagszeit halten wir dann an einem Dönerladen, wo wir einen wirklich sehr guten Döner verputzen. Während des Essens wird Stephan von einem jüngeren Mann ausgequetscht, der auch eine Baghira fährt. Seiner Meinung nach hat die Baghira zu wenig Leistung, was Stephan nicht sehr begeistert aufnimmt. Ich denke auch, dass 50 PS bei einem 140 Kilo schweren Motorrad mehr als ausreichend sind.

Nach dem Essen fahren wir weiter und erreichen nach einer recht schönen zu fahrenden Strecke schließlich Schönau. Ich kenne den Ort von meinem ersten Enfieldtreffen. Erinnerungen werden wach, an dieses heiße Wochenende und die abenteuerliche Fahrt samt Kolbenfresser. Um so mehr freut mich, dass nächstes Jahr das Enfieldtreffen wieder hier stattfindet. Dann hoffentlich ohne technische Probleme.

Nach einer kurzen Rast fahren wir weiter. Meine Knieschmerzen werden langsam immer schlimmer, so das ich die Beine oft ausstrecken muss, um dem Schmerz ein wenig entgegen zu wirken. Ich bin froh, als wir endlich die Autobahn erreichen. Nicht, weil ich so scharf darauf wäre ermüdende 120 auf der rechten Spur zu fahren, sondern weil sich die Zeit die ich benötige, bis ich in meiner Wohnung in die Badewanne steigen kann um mehr als die Hälfte reduziert.

Während wir Frankfurt entgegen fahren, wir es mit meinen Knien immer schlimmer. Auch das gelegentliche Ausstrecken der Beine, oder verändern der Sitzposition hilft nicht mehr. Es schmerzt einfach nur noch. Kurz vor Frankenfurt machen wir dann unsere letzte gemeinsame Rast. Patrick und Alexander werden bald auf eine andere Autobahn wechseln. Doch wir sind nicht wehmütig, sondern scheinbar alle ziemlich zufrieden und glücklich mit der Tour und den vergangenen Tagen. Nächstes Jahr wieder. Soviel steht fest.

Weiter geht es Richtung Frankfurt und kurz nach unserer Rast ist es dann wirklich soweit. Alexander und Patrick wechseln gemeinsam auf die Verzögerungsspurt, um die Autobahn zu wechseln. Wir winken und hupen, dann trennen sich unsere Wege, als die Beiden von der Straße geleitet, wie ein Komet, der in den Gravitationsgürtel eines Planet gerät, die Richtung ändern. Kurz darauf trennen sich auch Stephans und meine Wege, nur dass ich diesmal der Komet bin, der in die Umlaufbahn einer anderen Autobahn gezogen wird.

Kurz darauf erreiche ich die A45, die sogenannte Sauerlandlinie und mache erstmal Pause, um mir die Beine zu vertreten. Es dauert einige Zeit, bis die Schmerzen nicht mehr so schlimm sind, das ich kurz davor bin das Gesicht zu verziehen. Zwei Zigaretten später ist es ein wenig besser und ich fahre weiter und gebe etwas mehr Gas als zuvor mit der Gruppe. Leider komme ich vor Siegen noch einmal in einen ziemlich heftigen Regenguss, der meine Fahrt etwas bremst, doch hinter Siegen klart es wieder auf. Auch wenn es länger dauert, ich beschließe in Olpe von der Autobahn abzufahren, um an der Bigge entang über Attendorn, Finnentrop und Rönkhausen zurück nach Balve zu fahren.

Die Strecke entlang der Bigge bin ich schon oft gefahren und sie heitert meine Laune wieder etwas auf. Ich bin dem Rauschzustand, der bei langen anstrengenden Fahrten gerne als “Flow” bezeichnet wird, inzwischen schon sehr nahe, aber die Schmerzen hindern mich ein wenig und zwingen mich in Attendorn noch eine Pause einzulegen. Ich trinke einen Red Bull, setze mich auf den Boden und strecke die Beine aus, was temporär Linderung verschafft. Aber dann geht es weiter die Lenne entlang.

Zuhause werde ich bereits von Chiara erwartet.In Rönkhausen fahre ich Richtung Allendorf, wo ich trotz der Schmerzen zum Endspurt ansetze, den die Strecke führt mich kurvig den Berg hinauf und ist zudem vor einiger Zeit komplett neu asphaltiert worden. Traumhaft und neuerdings sogar mit Applauskurve. Nach einer weiteren halben Stunde erreiche ich endlich meine Wohnung in Garbeck und bin froh wieder festen Boden unter den Füßen zu haben. Der Schmerz ist doch recht störend gewesen, aber nehme ich noch die Sachen vom Motorrad und lege mich dann sofort in die heiße Badewanne. Sehr wohltuend und gut, um die Verspannungen der Muskulatur wieder zu lösen. Die Strecke heute war doch recht hart. Es ist immerhin der sechste Tag auf dem Motorrad gewesen. Ich fahre zwar täglich, aber eben nicht täglich solche Strecken.

Nachdem ich mich wieder etwas von den Strapazen erholt habe, schlüpfe ich in eine bequeme Jeans und frische Klamotten. Dann packe ich noch die Geschenke für Steffi und die Kinder ein und düse mit der XJ nach Menden. Hach, wie ist das schön ohne Gepäck und nicht in voller Montur. Zwar schmerzen die Knie immernoch, aber die Vorfreude auf Steffi und die Kinder lassen mich das vergessen. Nur noch meine Lieblingsstrecke, das Hönnetal, dann noch ein wenig gerade aus und ich bin da. Wir fallen uns in die Arme, die Geschenke sind ein voller Erfolg, alles ist perfekt in diesem Moment.

So schön die Tour auch war – und ich möchte nicht eine Sekunde der Tour missen und danke Stephan, Patrick und Alexander für die vielen schönen Momente aus tiefem Herzen – so schön ist es dennoch wieder Zuhause zu sein. Bei der Familie.

Manchmal musst du einfach mal weggehen, um festzustellen, was du wirklich vermisst.


10388 Worte, zur Bildergalerie, sorry für den unglaublich langen Artikel – und ich hab mich echt schon kurz gefasst…

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