Tag 5 – Über den Nufenen- und Furkapass bis zum Titisee
Irgendwie werde ich diesen Morgen später wach, aber ich bin wohl nicht der Einzige. Nach einem Kaffee fangen wir die Zelte abzubauen, während Alexander über sein iPhone ein paar Lieder von Motörhead spielt. Passt irgendwie ganz gut, aber so wach wie ich im Moment bin, kriege ich eh nichts auf die Kette und so dauert das Zusammenpacken und Abbauen bei mir schrecklich lange. Habe ich zumindest den Eindruck.
Nach dem Bezahlen, 45 Euro für Jeden von uns, fahren wir ein klein bischen wehmütig los, denn es war wirklich schön hier in Italien. Die Straße am Seeufer entlang bringt uns schnell über die Grenze und auf die Bundesstraße Richtung Gotthard. Vorher hatten wir besprochen anstatt wie erst geplant drei Pässe nur zwei zu fahren, weil es sonst wohl einfach zu heftig wäre. Aber erstmal zum Gotthard.
Um schnell da zu sein, fahren wir über die Autobahn, was völlig problemlos funktioniert. Wir kommen gut voran, haben wenig Probleme mit den Autofahrern, da es hier einfach viel entspannter abläuft als auf deutschen Autobahnen. Die Verkehrsdichte ist auch nicht so hoch. Nur auf der Gegenfahrbahn, denn in Hessen haben die Ferien angefangen, aber das soll nicht unser Problem sein, schließlich fahren wir ja nach Hause.
Direkt am Fuße des Gotthards ist noch eine Raststätte auf der Autobahn, wo wir tanken und ich mich noch über einen BMW Fahrer aufrege, der mit der offenen Tüte seiner GS eine Autofahrerin, die gerade wieder in ihr Auto einsteigt erschreckt und sich darüber lustig macht. Toll. Wegen ein paar solchen Merkbefreiten, leidet der Ruf der echten Motorradfahrer, Guzzi mit Hängetitten aber den Max machen, kleiner Pimmel oder was? Hoffentlich liest er das, wenn ich das in meinem Blog schreiben werden und schämt sich. Wird aber wohl nicht passieren, entweder liest er’s nicht, oder als asozial besonders Kompetenter schämt er sich nicht.
Nach ein paar kleinen Filmaufnahmen und dem obligatorischen Anlegen von wärmerer Kleidung fahren wir weiter und kurz darauf von der Autobahn ab, um uns dem Nufenenpass zuzuwenden, der westlich vom Gotthard gelegen ist. Nach einer erneut recht kurzen Fahrt durch ein enges Tal erreichen wir den Anfang der Passstraße, die nicht ganz so gut ausgebaut ist, wie der Gotthardpass, aber dafür geht es den ersten Teil des Anstiegs ziemlich geradeaus, bis die erste Serpentine kommt. Dafür habe ich den Eindruck, dass der Anstieg steiler ist und meine XJ muss ganz schön ackern. Nur zwei oder drei Spitzkehren später halten wir an, denn die Aussicht ist phantastisch, die Luft so eisig, dass meine Ohren schmerzen und die Umgebung irgendwie unwirklich. Links neben der Straße geht es steil bergab und wir haben freie sicht auf die von uns bereits zurückgelegte Strecke. Rechts neben der Straße liegt teilweise noch einen Meter hoher Schnee und das bei strahlendem Sonnenschein. Ich gehe zu dem Schneebrett und sehe, dass ein Stück weiter oben eine kleine Berghütter steht. Ich mache ein paar Fotos und gehe dann zurück zu den Motorrädern. Mir ist kalt und ich streife die Winterhandschuhe wieder über und wärme meine Ohren. Dann geht es weiter.
Nun geht es erstmal nicht mehr ganz so steil bergauf und ein bis zwei Kilometer gibt es kaum Kurven, bis wieder ein Anstieg mit Serpentinen den Berg hinaufführt. Nach der zweiten Kehre treffen wir plötzlich auf einen kleinen Stau, für den eine Herde Kühe verantwortlich ist, die von einer Bauersfrau den Berg hinaufgetrieben wird. Solche Staus mag ich, denn in so einem Stau steht man nicht alle Tage. Wir fahren vorsichtig an der Herde Kühe vorbei, sobald genug Platz ist und fahren dann weiter den Berg hinauf. Dann geht es nochmal eine längere Strecke gerade aus und plötzlich verschwindet die Steigung, die Gashand kann entspannt werden und rechts taucht ein kleiner See aus Schmelzwasser auf, an deren Ende immer noch meterhoch Schnee liegt. Wir sind oben. Nufenenpass: 2478 Meter.
Nach dem wir geparkt und die Umgebung ein wenig erkundet und genossen haben, gehen wir in die kleine Gastwirtschaft eine Kaffee trinken. Patrick überreicht uns unerwartet Anstecknadeln, die er in dem Souvenirshop gekauft hat. Auf den roten Anstecknadeln steht “Nufenenpass – 2478 Meter”. Ein wirklich nette Geste von ihm.
Als wir uns durch den Genuss von Kaffee wieder etwas aufgewärmt haben, gehen wir wieder nach draußen und machen ein Gruppenfoto, was wegen dem Selbstauslöser gar nicht so einfach ist, dann aber doch auf den ersten Versuch hinhaut. Schließlich steigen wir wieder auf unsere Motorräder, denn nun geht es den Pass hinab.
Ich fahre recht gemütlich, lasse die Anderen ziehen, weil ich die Umgebung genießen will und zudem einen recht langsam fahrenden PKW vor mir habe, den ich nur schlecht überholen kann. Meine drei Mitfahrer sind an ihm vorbei gezogen, aber für mich hat der Platz einfach nicht mehr gereicht. Es ist schon beeindruckend, die hohen Berge um mich herum zu sehen und die kalte klare Luft einzuatmen. Was für Einige eine Karibikinsel, dass sind für uns Motorradfahrer wohl die Alpen – traumhafte Landschaften, eine Kurve nach der anderen und abwechslungsreiche Strecken.
Nach einigen Kilometern schließe ich kurz bevor wir das Tal erreichen wieder auf. Im Tal geht es dann erstmal weitgehend geradeaus, bis wir Gletsch erreichen. Von hier aus lässt sich der Furka-, oder der Grimselpass fahren. Wir schwenken also auf den Furka und werden anfänglich mit einer gut ausgebauten und schnell zu fahrenden Passstraße beglückt. Parallel zum Pass verläuft eine alte Eisenbahnstrecke, auf welcher wohl die alte Dampflokomotive, die wir kurz vor der Auffahrt im Bahnhof gesehen haben, den Berg erklimmt. Es ist eine Dampfzahnradbahn, denn anders wären die Steigungen auf Schienen nicht zu überwinden.
Dann erreichen wir endlich einige schön und zügig zu durchfahrende Serpentinen, bis vor uns die Passstation Furka auftaucht, malerisch am Ausläufer eines Gletschers gelegen. Wir machen eine kurze Rast und filmen ein wenig, während unter uns die Dampflokomtive langsam den Berg hinauf klettert. Sie ist also tätsächlich losgefahren, wer hätte das gedacht.
Im Souvenirshop kaufe ich mir eine kleine Kuhglocke, irgendwas muss ich ja schließlich als Erinnerung mitnehmen und auch wenn ich keine BMW habe, finde ich es eine prima Idee die Glocke am Blinker meiner XJ zu befestigen. Natürlich muss ich das prompt in die Kamera sagen und nach einigen Versuchen klappt das sogar, während Patrick hämisch meint, dass ich sowas nur bräuchte, weil mein Mopped ja keinen richtigen Sound hat. Doch hat es. Zumindest jetzt.
Als sich eine dicke Wolke anfängt über den Berg zu schieben fahren wir weiter, um dem schlechten Wetter zu entgehen und die Strecke bietet uns wieder einige schöne Serpentinen an. Danach geht es erstmal wieder weniger kurvig fast gerade aus, bis wir die Passhöhe erreichen. Und sofort geht es auch schon wieder bergab, wobei ich nun erstmal schlucken muss. Die Straße ist zur abschüssigen Seite nur mit ein paar weiß bemalten Steinen gesichert. So alle 20 Meter. Eine Unachtsamkeit wäre fatal und würde mich und mein Motorrad 400 Meter den Berg hinab fallen lassen. Mir ist ganz mulmig bei dem Gedanken und ich merke an Patricks Fahrweise, dass es ihm genauso ergeht. Also fahren wir ganz piano den Berg hinunter und nehmen die Spitzkehren mit Bedacht.
Nach einigen Kurven gewöhne ich mich langsam an die Situation nicht durch eine Leitplanke vor dem Abgrund geschützt zu sein und werde wieder lockerer, bis sich nach einigen weiteren Kurven ein Zustand von annähernder Normalität einstellt. Trotzdem fahren wir noch mit dem nötigen Respekt. Ich denke bei mir, dass es sehr schön ist, mit einer Gruppe unterwegs zu sein, wo es nicht darum geht, möglichst schnell zu fahren, sondern aufeinander geachtet wird. Kein Geschwindigkeitszwang, kein grenzwertiges Heizen, was mir beim Touren einfach zu stressig wäre. Schließlich erreichen wir nach einer schönen Abfahrt das Tal, wo es wieder weitgehend geradeaus geht. Nach kurzer Zeit auf der gut ausgebauten Bundesstraße stehen wir wieder am Fuße des Gotthardpasses, wo wir vor drei Tagen mit dem Wettergott gekämpft haben. Wir wenden uns linkerhand der Autobahn zu, um nun nach den zwei wunderschönen Pässen Strecke zu machen. Schließlich wollen wir heute noch zurück in den Schwarzwald.
Wir fahren diesmal über Basel, um dem nervenden Stück Landstraße bei Zürich auszuweichen. Nach einiger Zeit auf der Autobahn machen wir an einem großen Autobahnrastplatz halt, wo ich für eine kleine Schüssel Salat 8 Euro hinblättere, was ich für ganz schön überzogen halte. Und die Schweiz ist nicht nur teuer, sondern auch gefährlich. Wir bekommen mit, wie einer Frau das Auto geklaut wurde, als sie das Tanken bezahlen wollte. Das ist schon echt dreist. Nach der Rast preschen wir weiter über die Autobahn. Das Wetter hält sich bis jetzt, wirkt aber doch recht unentschlossen.
Schließlich erreichen wir die Grenze bei Weil am Rhein. Von dort aus geht es wieder ab in den Schwarzwald und ich hoffe, dass wir schnell am Titisee sind, denn meine Knie schmerzen von der langen Fahrt nun doch ziemlich heftig. Die XJ ist dann doch einen Ticken zu klein für mich und bei langen Fahrten macht es sich dann doch bemerkbar. Und da die letzten Tage fast immer aus langen Fahrten bestanden, rächt es sich nun.
Ich bin heilfroh, als wir in der Abenddämmerung endlich den Zeltplatz erreichen. Das letzte Stück der Strecke empfand ich als sehr anstrengend. Netterweise bekommen wir wieder den selben Platz zugewiesen wie vor drei Tagen, jedoch treibt sich diesmal seltsames Volk auf dem Campingplatz herum: Eine Gruppe Faschos. So richtig mit einschlägigen Tatowierungen, entsprechender Kleidung und einem Kampfhund, den sie Odin nennen. Was für Spaten. Aber der Oberkracher: Einer der Faschos sitzt im Rollstuhl – ich meine, wie bescheuert ist das denn, wenn man bedenkt, wie im dritten Reich mit behinderten Menschen umgegangen worden ist? Einer meint zynisch, dass sie den doch als ersten vergast hätten, aber wer braune Scheiße anstatt eines Denkorgans im Kopf hat, der kapiert das wohl nicht.
Nachdem die Zelte stehen, fahre ich noch kurz in die Stadt, weil ich noch tanken muss, denn die XJ ist bereits seit einiger Zeit in der Reserve. Nach langem Herumsuchen und brechen diverser Einbahnstraßenregelungen, weil die Straßenführung aus dem Ort hinaus sowas von bescheuert ist, finde ich sogar eine Tankstelle. Leider hat diese scheinbar einzige Tanke am Ort nur bis 20 Uhr auf, und enttäuscht fahre ich wieder zurück. Hoffentlich reicht der Sprit morgen noch bis zur Tankstelle, aber zur Not können wir ja aus einem anderen Tank etwas umfüllen.
Wieder auf dem Campingplatz geselle ich mich zu den Anderen ins Restaurant und bestelle eine Kleinigkeit, während der Hopfenhaushalt wieder auf den richtigen Stand gebracht wird. Wir sitzen noch lange zusammen und reden über die vergangene Zeit und dies und das. Aber dann treibt uns die doch recht hohe Zahl des Tageskilometerzählers in die Zelte. Nach ein wenig Musik schlafe ich ein.
Tags: italien, touren, twitaly, Unterwegs, XJ
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schreibt am 13 Aug 2009 um 17:07
Hach ja. Schön, die Tour im Geiste zu wiederholen. Super Bericht!
“ich kann sein breites Grinsen fast in meinem Rücken spüren…” Hihi. ;-)
schreibt am 13 Aug 2009 um 23:53
Toller Bericht, beeindruckend das Du so ehrlich von Deinen Ängsten und Schwächen schreibst. Würde mich nicht wundern, wenn durch Eure interessante Berichterstattung, nächstes Jahr die Zahl der Mitreisenden auf über 50 Fahrer wächst ;)
schreibt am 14 Aug 2009 um 08:50
Klasse! Klasse geschrieben, klasse nachzuvollziehen. Das hat wirklich Spaß gemacht deinen Text zu lesen. Ehrliche Erlebnisse weitab vom PS-Gedröhn anderer Fahrer, die durch die Alpen donnern.
schreibt am 14 Aug 2009 um 09:29
Sehr schön geschrieben! (Wie nicht anders zu erwarten war. ;-))
Hat wirklich Spaß gemacht, das Ganze, bequem auf der Couch lümmelnd, nochmal Revue passieren zu lassen! :-)
Freue mich schon auf die Sauerlandtour! :-)
schreibt am 14 Aug 2009 um 09:54
wow, toller bericht, wie immer sehr lesenswert geschrieben.
freu mich schon auf weitere tourenberichte ;)
lg
vbernd
schreibt am 14 Aug 2009 um 21:16
Wow, was für ein Bericht. Wenn mir noch mal jemand sagt, ich würde viel schreiben, schicke ich ihm den Link hierher ;-)
Sehr gut hat mir auch gefallen, dass deine Stimmung gut rüberkam – die Emotionen machen einen Bericht immer gleich viel persönlicher.
schreibt am 16 Aug 2009 um 15:20
Danke für den Bericht.
Hab mir Zeit gelassen, um Zeit für ihn zu haben.
Sehr schön. Meine Lieblingstelle ist natürlich die, wo du und Patrick vorgefahren sind “… und wie im Rausch prügeln wir unsere Yamahas den Berg hinauf.”
Nur schade, dass du dich so kurz gefasst hast ;-)
Nebenbei: die Baghira wiegt 170 nicht 140kg. Reicht mir aber trotzdem.
schreibt am 18 Aug 2009 um 16:33
Jetzt habe ich endlich mal die Zeit gefunden, Deine kleine Kurzgeschichte durchzulesen und muss sagen, dass Du die Stimmung des “Tourens mit Freunden” sehr gut rübergebracht hast.
Hast Du Dir eigentlich tagsüber Notizen gemacht? Von meine Eifletouren hätte ich nachträglich nie so vollständige Berichte schreiben können…
schreibt am 23 Aug 2009 um 13:03
Hab mir den Bericht gerade beim Essen zu gemüte geführt. Wirklich unterhaltsam.
schreibt am 24 Aug 2009 um 08:11
@Stephan: Okay, dann eben 170 Kilo, aber die Baghira macht halt nen schlanken Fuß! :-)
@Dennis: Also Notizen mache ich mir nicht, aber während ich fahre bilden sich in Gedanken schon einzelne Sätze über das was gerade passiert. Wenn ich dann den Bericht schreibe, dann nehme ich auch die Fotos vom Telefon zur Hilfe, so kann ich mich meist recht gut erinnern. Obwohl ich zugeben muss, dass knapp eine Woche schon echt an der Grenze sind. Da passiert einfach so viel… ach und das GPS Logging von Patrick war auch eine gute Hilfe.
schreibt am 25 Aug 2009 um 12:27
Vielen Dank für diesen lebendigen Bericht. Besser als Kino. Nach dem Lesen hatte ich das Gefühl ICH hätte diese Tour gemacht.
schreibt am 25 Aug 2009 um 21:44
Hi Marc,
lange nix gehört. Cool, dass du auch in Italien warst :)
Komm mal auf n Kaffee/Bier/Wein/Kühlwasser vorbei…
P