Tag 4 – Den Weg mal bis zum Ende und die Reifen an die Grenze fahren
Ich erwache um kurz nach sieben wieder ziemlich früh, bleibe aber noch etwas liegen bevor ich aufstehe. Nach der Morgentoilette gehe ich in den kleinen Laden und kaufe ein wenig ein. Keine Ahnung warum, aber ich hab tierischen Bock auf Fruchtkuchen, der lacht mich aus dem Regal so schelmisch an, also nehme ich ihn mit. Während die anderen zum Kaffee ein Brötchen frühstücken, verleibe ich mir ein paar Stücke des köstlichen Kuchens ein.
Wir gehen den Vormittag gemütlich an und nach dem anstrengenden Tag gestern ist das den Anderen wie mir auch sehr recht. Heute wollen wir ganz gemütlich in ein Tal hineinfahren und dann den Berg erklimmen, bis die Straße nicht mehr weiter geht. Ich beschließe schon jetzt ganz todesmutig heute in Jeans zu fahren, die Schwitzerei von gestern will ich mir nicht nochmal antun. Außerdem schmerzen meine Knie, weil die Protektoren der Lederhose ständig auf meine Kniescheiben drücken. Sehr unangenehm.
Aber erstmal drehen wir noch etwas für Mopeten.TV: Den großen Mopeten.TV Campingkochertest. Mit im Rennen: Stephans Hightech Benzinkocher MSR Whisperlite, mein alter Enders Benzinkocher, Alexanders selbstgebauter Can Stove Spirituskocher und ein gekaufter Spirituskocher von Patrick. Die Aufgabe für alle Kocher: 0,8 Liter Wasser kochen, und das möglichst schnell. Die Abnahme erfolgt mittels Timecode der Kamera.
Jeder stellt also seinen Kocher kurz vor und dann geht es daran das Wasser zu kochen. Wir bereden noch, die Ergebnisse vorerst und auch nach der Tour nicht zu veröffentlichen, schließlich wollen wir der Mopeten.TV Folge nicht vorweg greifen. Mit dem letzten gekochten Wasser setze ich noch eine Suppe auf, die uns Kraft für den weiteren Tag gibt. Es geht ja nichts über ein Süppchen.
Erst kurz vor Mittag kommen wir los und fahren Richtung Schweiz über die Grenze. Nach längerer Fahrt auf einer gut ausgebauten Bundesstraße halten wir dann zum ersten Mal an einer Sehenswürdigkeit – eine alte Eisenbahnbrücke, die sich über einen reißenden Gebirgsbach spannt und begehbar ist. Mir ist etwas mulmig, als ich die rostige Brücke betrete, dessen Boden aus wackeligen Metallgittern besteht, unter denen es 20 Meter in die Tiefe geht. Mit der Hand immer auf dem Geländer wage ich mich bis zur Mitte der Brücke vor und schieße ein paar Fotos. Dann gehe ich zügig bis zum Ende der Brücke, um endlich wieder festen Boden unter den Füßen zu haben. Patrick geht es ebenso, auch im ist nicht ganz wohl bei der Geschichte.
Das Wasser des Gebirgsbachs ist sehr klar und den Flußlauf ein Stück hinauf hat sich eine etwas breitere und tiefere Stelle gebildet, die von Einigen zum baden genutzt wird. Dort ist das Wasser ganz ruhig, im Gegensatz zu dem Stück weiter abwärts. Dort schießt das Wasser durch eine Verengung und fließt spritzend und weiß schäumend in die Tiefe, wobei ein fauchendes Geräusch entsteht.
Nach einer halben Stunde brechen wir auf und fahren weiter. Es geht wieder über die Bundesstraße und wir kommen gut voran, bis wir eine kleine Stadt erreichen und dort dem Hang des Berges entgegen fahren. Eine immer enger werdende Straße führt uns über viele Spitzkehren immer weiter hinauf. Die Kurven sind eng und einige Autos bremsen uns aus, weil bei Gegenverkehr gewartet werden muss. Nach einiger Zeit halten wir und machen eine kurze Pause, doch nicht lange, dann geht es weiter.
Schließlich wird die Straße noch enger und wir durchfahren ein kleines Bergdorf, wo die Straße nicht mehr so kurvig ist. Wenige Zeit später erreichen wir ein weiteres Berfdörfchen und Plötzlich ist einfach die Straße zuende. Hier geht es nur zu Fuß weiter hinauf, aber da keiner von uns gerne in Motorradbekleidung wandert, fotografieren wir lieber dir wunderschöne kleine Kapelle, die zwar restaurierungsbedürftig aber nicht minder interessant ist. Die umliegenden Berge sind schön anzuschauen, denn die Hänge sind teilweise noch immer mit Schnee bedeckt. Wieder eine dieser unwirklichen Situationen.
Dann fahren wir wieder den selben Weg zurück, den wir gekommen sind, wobei ich die Anderen irgendwann ziehen lasse und nochmal anhalten, um endlich mal eine Spitzkehre zu fotografieren. Dann fahre ich weiter und bestrebt meine Mitfahrer wieder einzuholen, gebe ich ein wenig Gas. Glücklicherweise treffe ich in den vielen Kehren nicht oft auf Gegenverkehr, so dass ich diese von weit außen anfahren kann und nur kurze Zeit später die kleine Stadt im Tal erreiche, wo die Anderen bereits Ihre Motorräder geparkt haben, um im Café eine Erfrischung einzunehmen. Stephan fragt mich noch, ob alles okay ist, was ich bestätige und ihm erzähle, dass ich ein paar Fotos gemacht habe.
Im Café wird dann wieder getwittert und eine Kleinigkeit zu essen und Getränke bestellt. Die Bedienung ist scheinbar allein und so dauert es etwas, aber die Speise ist schmackhaft und wir regenerieren wieder etwas für die bevorstehende Rückfahrt. Wie wir fahren ist noch unklar, aber Stephan hat wie eigentlich immer bis jetzt einen schönen Tourenvorschlag parat: Über die grüne Grenze durch die Berg zurück nach Italien. “Berge” und “grün”, das klingt gut und lässt mein Motorradfahrerherz höher schlagen. Nach einer halben Stunde ziehen wir weiter und fahren zuerst wieder die große Bundesstraße, die wir gekommen sind, schwenken dann aber irgendwann auf eine Landstraße, die in die Berge führt.
Die Straße ist eng führt aber weitgehend am Hang entlang und ist wenig Serpentinen lastig. Hier geben wir richtig Gas und werden von einigen wirklich zügig fahrenden Autos gezogen. Heizen die Italiener eigentlich mit allem was einen Motor hat, als gäbe es kein Morgen? Nicht das es unangenehm ist, hat ja auch Vorteile, wenn jemand vorausballert, der die Strecke kennt, aber teilweise sind die doch richtig schnell unterwegs und wir haben viel Spaß. Endlich mal Kurven, die der XJ richtig gut gefallen. An Steilwänden vorbei und durch schnelle aber doch enge Kurven zieht uns die Straße langsam den Hang des Berges entlang, bis wir unter uns einen Stausee entdecken. Kurzerhand halten wir an, um ein paar Fotos von dieser wirklich tollen aussicht zu machen. Als wir absteigen sind wir alle sehr euphorisch, denn die bisher gefahrenen Kurven waren wirklich genial spaßig.
Das Wasser des vielleicht 800 Meter unter uns liegenden Stausees hat eine interessante Farbe: Es schimmer immer hellblau, so wie das Wasser um einen Eisberg herum. Ich weiß nicht woran das liegt, vielleicht daran, dass es sich um Gletscherwasser oder Schelzwasser handelt. Jedenfalls sieht das Wasser sehr sauber und rein aus, nicht so wie bei den Stauseen, die ich aus dem Sauerland kenne.
“Ich hab Lust auf Gurken”, ruft Patrick plötzlich, als wir uns bereit machen weiterzufahren. “Hä? Lust auf Gurken?”, frage ich ihn, worauf hin er mich verwundert ansieht. “Lust auf Kurven hab ich gesagt”, lacht er. Ich ahne trotzdem, dass mir die Gurken noch lange auf Twitter nachhängen werden, als wir wieder auf unsere Mopeten steigen und zügig weiter fahren.
Irgendwann erreichen wir dann die grüne Grenze und wir sind wieder in Italien. Die Straße bleibt noch ein wenig so schön und zügig zu fahren und wir halten noch einmal bei einem sehr einsamem aber wunderschönen Haus, das in den Hang gebaut ist. An den Hängen der Berge ist es teilweise schon ein wenig dunkler, denn die Sonne steht nun tiefern. Wir sehen zu, dass wir weiterkommen, schließlich müssen wir den Berg irgendwann auch mal wieder hinunter fahren, um den See zu erreichen.
Also gibt es zum Abschluss des Tages noch ein paar Serpentinen, die uns durch bewohntes Gebiet wieder hinunter zum Lago Maggiore führen. Wir halten in Cannobio, denn ich möchte meiner Patchwork Familie noch einige Kleinigkeiten mitbringen. Während die Anderen geduldig aber gelangweilt auf mich warten, finde ich nach einigem suchen etwas für die Kinder und kaufe drei gleiche Armbänder, die sehr schön aussehen. Geschwisterarmbänder taufe ich sie. Nur etwas für Steffi zu finden fällt mir schwer. Erst denke ich an Schmuck, aber das kommt mir irgendwie so gewöhnlich vor, bis ich an einem Stand vorbeikomme und mir ein wohl bekannter Duft in die Nase schwebt. Nag Champa Räucherstäbchen. Ich liebe diesen Duft. Also kaufe ich ein Päckchen und was kann Steffi besser gebrauchen als gelegentlich die entspannende Wirkung eines Räucherstäbchens? Klasse, jetzt habe ich alles und wir fahren weiter zum Zeltplatz, wo wir den Abend sehr entspannt und glücklich ausklingen lassen. Ich bin besonders entspannt, denn ich habe die Räucherstäbchen beim rumlaufen in Cannobio in meinem Helm transportiert. Der Geruch wird sich übrigens noch zwei Tage halten…
Wir essen wieder Pizza, trinken ein paar Bier, philosphieren über den Hopfenhaushalt und wie man den Zustand wohl nennen mag, wenn man lieber Wein trinkt, über die Lust auf Gurken, dies und das – ziemlich unglaublich, dass ich – bis auf Stephan – diese Menschen, die jetzt hier mit mir sitzen vorher nur virtuell kannte. Es ist schon toll, wie sich die Dinge manchmal einfach entwickeln. Gute Sache das.
Morgen wollen wir drei Pässe fahren und dann den Gewaltmarsch durch die Schweiz bis zum Titisee antreten. Trotzdem wird es wieder spät, bis wir alle in unseren Zelten verschwunden sind.
schrob am 13 Aug 2009 um 17:07
Hach ja. Schön, die Tour im Geiste zu wiederholen. Super Bericht!
[]“ich kann sein breites Grinsen fast in meinem Rücken spüren…” Hihi. ;-)
schrob am 13 Aug 2009 um 23:53
Toller Bericht, beeindruckend das Du so ehrlich von Deinen Ängsten und Schwächen schreibst. Würde mich nicht wundern, wenn durch Eure interessante Berichterstattung, nächstes Jahr die Zahl der Mitreisenden auf über 50 Fahrer wächst ;)
[]schrob am 14 Aug 2009 um 08:50
Klasse! Klasse geschrieben, klasse nachzuvollziehen. Das hat wirklich Spaß gemacht deinen Text zu lesen. Ehrliche Erlebnisse weitab vom PS-Gedröhn anderer Fahrer, die durch die Alpen donnern.
[]schrob am 14 Aug 2009 um 09:29
Sehr schön geschrieben! (Wie nicht anders zu erwarten war. ;-))
Hat wirklich Spaß gemacht, das Ganze, bequem auf der Couch lümmelnd, nochmal Revue passieren zu lassen! :-)
Freue mich schon auf die Sauerlandtour! :-)
[]schrob am 14 Aug 2009 um 09:54
wow, toller bericht, wie immer sehr lesenswert geschrieben.
freu mich schon auf weitere tourenberichte ;)
lg
[]vbernd
schrob am 14 Aug 2009 um 21:16
Wow, was für ein Bericht. Wenn mir noch mal jemand sagt, ich würde viel schreiben, schicke ich ihm den Link hierher ;-)
Sehr gut hat mir auch gefallen, dass deine Stimmung gut rüberkam – die Emotionen machen einen Bericht immer gleich viel persönlicher.
[]schrob am 16 Aug 2009 um 15:20
Danke für den Bericht.
Hab mir Zeit gelassen, um Zeit für ihn zu haben.
Sehr schön. Meine Lieblingstelle ist natürlich die, wo du und Patrick vorgefahren sind “… und wie im Rausch prügeln wir unsere Yamahas den Berg hinauf.”
Nur schade, dass du dich so kurz gefasst hast ;-)
Nebenbei: die Baghira wiegt 170 nicht 140kg. Reicht mir aber trotzdem.
[]schrob am 18 Aug 2009 um 16:33
Jetzt habe ich endlich mal die Zeit gefunden, Deine kleine Kurzgeschichte durchzulesen und muss sagen, dass Du die Stimmung des “Tourens mit Freunden” sehr gut rübergebracht hast.
[]Hast Du Dir eigentlich tagsüber Notizen gemacht? Von meine Eifletouren hätte ich nachträglich nie so vollständige Berichte schreiben können…
schrob am 23 Aug 2009 um 13:03
Hab mir den Bericht gerade beim Essen zu gemüte geführt. Wirklich unterhaltsam.
[]schrob am 24 Aug 2009 um 08:11
@Stephan: Okay, dann eben 170 Kilo, aber die Baghira macht halt nen schlanken Fuß! :-)
@Dennis: Also Notizen mache ich mir nicht, aber während ich fahre bilden sich in Gedanken schon einzelne Sätze über das was gerade passiert. Wenn ich dann den Bericht schreibe, dann nehme ich auch die Fotos vom Telefon zur Hilfe, so kann ich mich meist recht gut erinnern. Obwohl ich zugeben muss, dass knapp eine Woche schon echt an der Grenze sind. Da passiert einfach so viel… ach und das GPS Logging von Patrick war auch eine gute Hilfe.
[]schrob am 25 Aug 2009 um 12:27
Vielen Dank für diesen lebendigen Bericht. Besser als Kino. Nach dem Lesen hatte ich das Gefühl ICH hätte diese Tour gemacht.
[]schrob am 25 Aug 2009 um 21:44
Hi Marc,
lange nix gehört. Cool, dass du auch in Italien warst :)
Komm mal auf n Kaffee/Bier/Wein/Kühlwasser vorbei…
P
[]