Tag 4 – Rund um den Lago Maggiore

Ich erwache morgens ziemlich früh, weil ich schlecht träume. Einer diese Träume, an die man sich nicht in Gänze erinnern kann, aber an die große schwarze Spinne, die mich mehrfach anspringt und mich zum rennen bringt erinnere ich mich dann leider doch. Es dauert einige Minuten, bis ich mich von dem unangenehmen Gefühl eines schlechten Traums lösen kann, doch dann stehe ich auf. Ich bin der Erste, also beschließe ich schonmal Kaffee aufzusetzen.

Camping am Lago Maggiore.Der Benzinkocher ist schnell aufgestellt und angeheizt, es dauert nicht lange und der Kaffee ist fertig. Ich habe leichte Kopfschmerzen, wohl vom Grappa, aber der Kaffee wird’s schon richten und tatsächlich, nach 2 Bechern werde ich langsam wacher. Auch Stephan und Alexander sind nun aus ihren Zelten geklettert und wenig später kommt Patrick hinzu. Stephan organisiert wieder ein paar Brötchen und wir frühstücken gemeinsam. Weil meine Espressokocher nur 2 Kaffee pro Kochvorgang rausdrückt nehmen wir kurzerhand Stephans Bodumkanne für den Kaffee, die den Koffeinbedarf einfach schneller decken kann.

Nach dem Frühstück gehe ich erstmal duschen, spüle mir den schlechten Traum aus der Seele. Die Duschen auf dem Campingplatz sind wirklich angenehm, zumindest die Dusche die ich gewählt habe, wie ich später höre, denn die anderen zwei Duschen bedingen wohl, dass dauerhaft ein Knöpfchen gedrückt wird, um Wasser zu erhalten. In meiner Dusche ist eine ganz normale Armatur, da kann ich nicht klagen.

Nachdem wir uns alle ein wenig sortiert und aklimatisiert haben, geht es an die Streckenplanung für heute. Ein Blick in Stephans Denzel offenbart mehrere Touren. Wir entscheiden uns letztlich für die Tour, die uns fast komplett um den Lago Maggiore führt. Lediglich der letzte Zipfel im Süden wird mit der Fähre überwunden, aber bevor wir losfahren, braucht die SR 500 von Patrick noch ein wenig Zuwendung. Das Rücklicht ist durchvibriert – etwas, das ich von meiner Enfield sehr gut kenne, denn die Vibrationen eines Eintopfes mit 500 Kubik sind immens. Allerdings finden wir nur die Fehlerursache, die Birne ist tatsächlich defekt, aber Ersatz haben wir nicht dabei. Egal. Wir fahren ja nicht in der Dunkelheit.

Nachdem bei der SR auch noch der Ölstand korrigiert ist, ruft uns Stephan noch zur Motorradvorstellung für die Mopeten.TV Folge. Alle müssen sich nach der Reihe vor unserem Zeltplatz positionieren und werden gefilmt. Bei Stephans und seiner Baghira übernimmt diese Aufgabe Patrick, was ihm als ausgebildetem Fotograf nicht schwer fällt. Ich finde es etwas blöd sinnlos in die Kamera zu lächeln, aber es ist ja sozusagen für einen guten Zweck, für die Bespaßung der interessierten Zuschauer, also lasse ich mich darauf ein. Ein paar Details der Motorräder werden ebenso gefilmt.

Am Lago Maggiore 30 Grad, oben in den Bergen liegt Schnee.Dann besteigen wir endlich unsere Krafträder und Rollen vom Platz. Erst fahren wir über die Uferstraße, bis Stephan den Blinker setzt und in eine Seitenstraße einbiegt. Und dann geht es los. Permanent bergauf, erst noch durch besiedelte Gebiete, in denen eine Spitzkehre der Anderen folgt, bis mit einem Mal die Straße durch Wälder führt. Die abgefallenen Blätter der Bäume liegen hier auf dem sehr begrenzt verfügbaren Asphalt und wir fahren vorsichtig, denn der Untergrund ist durch den Blättermatsch sehr rutschig. Stephan und Patrick fahren Alexander und mir schließlich davon, sie sind etwas schmerzfreier. Mir macht die schwere XJ zu schaffen und Alexander kämpft mit 27 PS verteilt auf 6 Gänge. Trotzdem haben wir unseren Spaß. Immer höher erklimmen wir den Berg rund um den Lago, Spitzkehre um Spitzkehre und schließlich – nach nur 15 Kilometern – sind wir überrascht 1.500 Höhenmeter überwunden zu haben. An einer kurzen Gerade wo links keine Bäume wachsen, halten wir an und sind mehr als nur beeindruckt. Unter uns der Lago Maggiore, über uns ein Steilhang an dem noch Schnee liegt. Eine unwirkliche Situation. Als wir am Lago losgefahren sind, waren es 25 bis 30 Grad und nun sind wir nach nur einer Stunde bereits so hoch, dass der Straßenrand von Schnee gesäumt wird.

Ein Hochgefühl ergreift uns, so beeindruckend ist die Umgebebung. Wir twittern und schießen diverse Fotos, auch ein Gruppenfoto springt bei diesem kurzen Stopp heraus, bis wir uns schließlich wieder auf unsere Motorräder setzen und weiterfahren. Nach kurzer Zeit geht es dann wieder bergab – irgendwie logisch, denn “what goes up, must come down”.

Nach vielen weiteren phantastischen Serpentinen und Spitzkehren sind wir irgendwann wieder unten am See. Wir halten und suchen ein nettes kleines Café an der Uferpromenade, trinken Espresso und Cappuchino, essen eine Kleinigkeit und genießen das italienische Flair. Getwittert wird natürlich auch.

Mit der Fähre über den Lago Maggiore.Danach machen wir uns auf zur Fähre, um auf die andere Seite des Lago überzusetzen. Die Tickets sind schnell gekauft und problemlos parken wir unsere Motorräder auf dem Deck zwischen den Autos. Es schwankt zwar ein wenig bei der Überfahrt und ich mache mir ein wenig Sorgen, ob das nicht Probleme mit dem Seitenständer geben wird, aber es geht alles gut. Eine halbe Stunde später rollen wir mit unseren Maschienen auf der anderen Seite des Sees wieder von Bord, um weitere Straßen in den umliegenden Bergen unsicher zu machen.

Über Twitter haben wir mitbekommen, dass die Tankstellen in Italien diese Woche streiken, und auch ein italienischer Motorradfahrer, der ein wenig Deutsch spricht, macht uns darauf aufmerksam. Die erste Tankstelle, an der wir nach dem Übersetzen ans andere Ufer finden, hat tatsächlich geschlossen. Dafür hat die nächste geöffnet und wir tanken. Scheinbar ist ein Streik in Italien so etwas wie eine Alibi Streik. Sie kündigen einfach mal an zu streiken, um in den Medien zu sein, aber im Endeffekt haben sie doch geöffnet, um Umsatzeinbußen zu vermeiden. Nur so eine Vermutung.

Nach dem Tanken fahren wir weiter und werden in einem kleinen Ort durch irgendetwas aufgehalten. Mir ist so heiß, weil ich in Lederkleidung fahre und jedes Mal, wenn wir anhalten glaube ich, schmelzen zu müssen. Dreißig Grad im Schatten und eine zweite Haut aus Leder, das hält doch Keiner aus. Kurzerhand gebe ich Stephan zu verstehen, dass ich fahren muss, da ich sonst umkippeen würde und düse los. Dann plötzlich der erste Defekt an meiner XJ. Der Tacho zeigt nichts mehr an. Ich tippe auf die Tachowelle, die sicherlich gebrochen ist, schließlich ist das ein zu erwartender Defekt, wenn es der Tacho nicht mehr tut.

Nachdem ich mir ein wenig den Schweiß durch Geschwindigkeit aus der Lederkleidung getrieben habe, fahre ich langsamer und warte auf die Anderen, die ich jedoch zu keiner Zeit im Rückspiegel sehe. Kurzerhand drehe ich und fahre zurück und nach einigen Kilometern kommen mir die Drei tatsächlich entgegen. Ich drehe erneut und schließe auf, berichte von meinem Defekt, der mich übrigens doch ein wenig ärgert, denn mein Plan war auf der Tour den Tacho zu nullen, was mit einer gebrochenen Tachowelle schwer möglich ist.

Wir suchen nach einer Nebenstrecke, die uns wieder in die Berge führt, verfahren uns einmal bis wir sie finden. Das Suchen hat sich allerdings gelohnt, denn die Strecke ist anspruchsvoll, wie traumhaft. Spitzkehren, die durch ein Wohngebiet führen, bis die Häuser verschwinden und durch Wald ersetzt werden – diesmal sogar ohne herabgefallene Blätter, welche die Straße rutschig machen, was mir ein Gefühl von Sicherheit gibt.

Typische Straßen an den Hängen des Lago Maggiore.Irgendwann verlieren Patrick und ich Stephan und Alexander. Wir sind völlig gefangen im beengten Asphalt und wie im Rausch prügeln wir unsere Yamahas den Berg hinauf. Ein Kehre nach der Anderen, bei Gegenverkehr kurze knappe Ausweichmöver. Ich fahre voraus und ich spüre, dass es Patrick genauso egal wie mir ist, ob wir überhaupt noch auf dem richten Weg sind. Mehrere Möglichkeiten abzubiegen ignorieren wir und fahren einfach den Berg weiter hinauf. Spitzkehren zu fahren ist anspruchsvoll, doch in dem Zustand in dem wir gerade sind, ist es eine Leichtigkeit. Ich fahre in den Kehren mein Bein aus, als hätte ich eine Enduro, so habe ich mehr Kontrolle über die schwere Yamaha. Patrick ist dich hinter mir und es geht einfach nur vorwärts, ich kann sein breites Grinsen fast in meinem Rücken spüren, denn mir geht es genau so. Zwei Yamahas. Eine Straße. Kurven, eine traumhafte Umgebung und eine Straße, die scheinbar nie enden will.

Als wir fast oben auf dem Berg sind, halten wir in einer Spitzkehre trotz unseres Rausches an und warten auf Alexander und Stephan. Als sie nach kurzer Zeit nicht erscheinen, fahren wir zurück, doch glücklicherweise kommen uns die Beiden nach wenigen hundert Metern dann doch bereits entgegen. Wir wenden erneut und preschen den Anderen hinterher und kurze Zeit darauf erreichen wir den Gipfel des Berges. Dort machen wir eine kurze Rast.

Als ich von meiner Yamaha steige und Patrick betrachte, sehe ich ein Leuchten in seinen Augen. Er scheint unsere Fahrt auf den Berg ebenso genossen zu haben wie ich, es war einfach nur geil. Endlich eins mit der Maschine und mit der Umgebung, keine störendne Gedanken, keine verlorenen Kameras, einfach nur von einer Kurve bis zur Nächsten – den Kopf freigefahren und dabei einige der Ängste in den Hintergrund verwiesen, die des öfteren an meinen Gedanken nagen.

Kurz nach uns kommen zwei Fahrradfahrer auf dem Gipfel an, der Erste schmeißt sein Fahrrad beiseite und setzt sich schwer keuchend auf den Boden. Ich fühle großen Respekt vor seiner Leistung, denn den Gipfel zu erklimmen war selbst mit dem Motorrad schon anspruchsvoll, mit dem Fahrrad muss es eine immense Strapaze sein.

Bald geht es den Berg wieder hinunter und Stephan filmt noch ein wenig die Abfahrt. Bergab fahre ich ziemlich vorsichtig und falle teilweise weit zurück, einerseits, weil ich meiner notdürftig instand gesetzen Bremse noch nicht zu einhundert Prozent vertraue, andererseits, weil abschüssige Rechtskurven mir irgendwie noch nie geheuer waren. Ich weiß nicht woran das liegt, aber ich fühle mich dabei immer unwohl.

Je tiefer wir kommen, um so wärmer wird es auch und ich beginne unter meiner Lederkleidung wieder stark zu schwitzen. Ich öffne meine Jacke ein Stück weit und lasse Luft durch meine Kleidung strömen. Bald sind wir wieder am See und fahren die Uferstraße entlang, suchen eine Abzweigung, um noch einen Trip durch die Berge wieder zurück zum Campingplatz zu nehmen. Doch irgendwann merke ich, dass etwas mit mir nicht stimmt, mir ist duselig im Kopf und ich fühle mich sehr erschöpft und müde, ausgelaugt wie ein trockener Schwamm. Ich bin dehydriert. Ich wende mich an Stephan und sage, dass ich unbedingt etwas trinken muss, also fahren wir Richtung Ufer und erreichen einen kleinen Parkplatz. Stephan holt ein paar Flaschen Wasser, die ich dankbar annehme, nachdem ich mich meiner Lederjacke entledigt habe. Ich setze mich auf den Bordstein und trinke, Patrick gibt mir ein paar Traubenzucker und nach 2 kleinen Flaschen Wasser wird es langsam wieder besser.

So gerne ich auch Leder trage, aber für den heutigen Tag hätte ich doch lieber etwas atmungsaktives gehabt, denn unter der Lederkleidung schwitzt die Haut sehr stark, gerade wenn das Leder einmal aufgeheizt ist. Um mir dann ein wenig Kühlung zu verschaffen, öffne ich dann meistens den Reißverschluss der Jacke und die Reißverschlüsse an den Enden der Ärmel. So fährt die Luft dann über den Oberkörper und Rücken. Problem beim starken schwitzen ist aber auch der damit einhergehende Flüssigkeitsverlust und wenn man wie ich dazu neigt am Tag wenig zu trinken, dann kann der Körper schonmal austrocknen. Übrigens ein ätzendes Gefühl, mir war teilweise richtig schwindelig.

Aber mit dem Wasser und dem Traubenzucker wird es wirklich schnell wieder besser und nach einer viertel Stunde fahren wir weiter. Es geht wieder bergauf und ich merke, wie langsam meine Kraft zurückkehrt. Erst geht es wieder über eine enge Straße durch ein Wohngebiet, natürlich werden auch wieder Spitzkehren gefahren, bis wir das Wohngebiet verlassen und nach einiger Zeit in einem Wald auf die grüne Grenze zur Schweiz treffen. Schließlich lichtet sich der Wald und wir erreichen den Gipfel der Bergstrecke, wo wir anhalten. Stephan will unbedingt filmen, wie wir über die Kuppe des Berges fahren.

Während wir auf das Startsignal warten, fällt uns eine junge Ziege auf, neben unseren Motorrädern steht und uns neugierig ansieht. Alexander drückt auf die Hupe seiner Suzuki, die ein quäkendes Geräusch von sich gibt. Plötzlich beginnt die Ziege mit einem Blöken zu antworten und so setzt sich die Kommunikation zwischen Hupe und Ziege fort. Ich hoffe die Ziege hält die Suzuki nicht für ihre Mutter und läuft uns hinterher.

Ein Blick in die Schweiz.Dann fahren wir schließlich über die Bergkuppe und haben eine phantastische Aussicht in ein besiedeltes Tal. Interessant ist auch, dass es auf der von der Sonne abgewendeten Seite der Berge bereits sehr dunkel ist, denn die Sonne steht so tief, dass sie es nicht mehr schafft ihr Licht über die Berggipfel zu werfen. Nach ein wenig weiterer Filmerei fahren wir weiter den Berg hinunter, wobei auch hier wieder eine anspruchsvolle Strecke von uns bezwungen wird. Später erreichen wir die Ausläufer einer Stadt, die sich von weit oben bis hinunter zum See erstreckt und wo eine Spitzkehre der anderen folgt. Ich fahre vorraus und merke, dass ich so langsam auch beim Bergabfahren den Bogen raus habe und die XJ gut kontrollieren kann. Die Blickführung ist wichtig. Schon bevor ich in die Spitzkehre einfahre, schaue ich, ob von unten Gegenverkehr kommt und wenn nicht, lass ich von ganz außen weit nach innen fallen, damit ich im Scheitelpunkt wieder Gas geben kann. Nach gefühlten 300 Spitzkehren erreichen wir schließlich das Ufer und fahren nun wieder am See entlang.

Abends gemütlich auf dem Campingplatz am Seeufer des Lago Maggiore.Über ein kurzes Stück Schnellstraße erreichen wir dann nach einiger Zeit wieder Cannobio. Um halb neun stellen wir unsere Motorräder wieder zu den Zelten, erschöpft aber genau so glücklich. Wir machen uns frisch und gehen eine Weile an den See, danach etwas essen und natürlich ein paar Bier trinken. Es wird noch richtig lustig, wir haben nach dieser Tour wirklich zueinander gefunden, machen viele Scherze, sprechen über dies und das, twittern nebenbei, witzeln über die Schwielen an der Gashand und philosphieren über den Hopfenhaushalt. Stephan will andauernd ins Bett gehen, bleibt dann aber doch jedes Mal noch sitzen, bis wir feststellen, dass wir im Restaurant völlig alleine sind und nur noch die Bedienung da ist, die eigentlich schon seit zwei Stunden Feierabend hat. Ziemlich nett uns trotzdem noch zu bedienen. Doch jeder schöne Tag geht einmal vorbei uns wir hauen uns in die Zelte.

Ich schaffe noch 1,5 Lieder, dann falle ich in einen komatösen Schlaf.

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