Tag 3 – Über den Gotthardpass zum Lago Maggiore
Ich erwache recht früh und twittere folgendes: “Moin. Es regnet und ich muss pinkeln. Interessenskonflikt”, aber der Harndrang ist dann doch stärker, als meine Abneigung gegen diesen nervigen Nieselregen und ich schäle mich aus dem Schlafsack und ziehe mir meine Klamotten an.
Als ich von der Morgentoilette zurückkomme sind die Anderen noch immer nicht wach und ich beschließe sie mit Kaffeeduft und dem Fauchen meines Benzinkochers sanft dem Schlummer zu entreißen. Nacheinander krabbeln sie aus ihren Zelten, wohl angelockt vom Duft des frisch aufgebrühten Kaffees – bis auf Alexander, der trinkt nämlich Tee und bei ihm war es dann wohl doch eher der recht laut fauchende Kocher. Stephan organisiert Brötchen, wir frühstücken gemeinsam und während der Regen langsam aufhört, teilweise sogar ein wenig die Sonne durch die Wolken lugt, wird auch unsere Stimmung heiter.
Dann geht es an’s packen, wobei mir ein wenig der nötige Elan fehlt, ich bin einfach nicht so der Morgenmensch und brauche meine Zeit, um mich zu booten. Daher ist mein Motorrad auch als letztes bepackt, was aber nicht schlimm ist, da wir so oder so nicht ganz so früh los wollten. Der Campingplatz hat übrigens pro Person knapp über 12 Euro gekostet, was ich absolut okay finde. Die Toiletten waren sauber, der Platz gemütlich und die Betreiber freundlich. Mehr braucht es nicht.
Kurz nach 11 fahren wir los, weiter durch den Schwarzwald Richtung Schweizer Grenze. In Waldshut-Tiengen wollen wir den Rhein überqueren. Nach ein paar netten Streckenabschnitten mit schönen Kurven und auf und ab’s wird die Strecke etwas langweiliger und wir drehen einen Kreisverkehr. Ich denke mir ich sollte ein Buch schreiben, Arbeitstitel: “Zen und die Kunst einen Kreisverkehr zu durchfahren”, Untertitel: “ohne das dich die Autofahrer für bescheuert halten”. Nachdem auch die Szene im Sack ist fahren wir weiter und erreichen ziemlich bald die Grenze. Der Grenzübertritt gestaltet sich problemlos, lediglich die Mobilfunkgebühren werden nun teurer. Scheiß Roaming.
Direkt hinter der Grenze fahren wir eine Tankstelle an, wo wir kurz Rast machen und besprechen, wie wir weiter fahren wollen. Demokratisch wird beschlossen, die Autobahn zu meiden, da wir sonst eine Jahresvignette kaufen müssen, die mit ca. 25 Euro ein Loch in die Urlaubskasse reißen würde. Allesamt der Meinung, dass das eine gute Idee ist wagen wir uns auf die Schweizer Bundesstraße und fahren Richtung Zürich.
Die Strecke zieht sich wie Kaugummi, denn auf Bundesstraßen sind in der Schweiz nur 80 Km/h erlaubt, an die wir uns halten, denn geblitzt zu werden würde in der Schweiz selbst bei einer geringen Geschwindigkeitsübertretung erheblich teurer als in Deutschland. Erst nach über einer Stunde erreichen wir die Ausläufer von Zürich und fahren, nachdem wir uns einige Kilometer durch den zähflüssigen Stadtverkehr gequält haben, auf einen kleinen Parkplatz. Ein Blick auf den Tachostand zeigt, dass wir für 80 Kilometer über eine Stunde gebraucht haben. Wenn das so weiter geht, kommen wir heute nicht mehr über die Alpen. Stephan schlägt vor nun doch eine Vignette zu kaufen und über die Autobahn zu fahren, dem wir uns anschließen. Bei der nächsten Tankstelle halten wir kaufen zähneknirschend die Jahresvignette und pappen sie uns auf die Krafträder. Wenigstens regnet es nicht.
Also ab auf die Autobahn Richtung Alpen und entspannt fahren wir immer leicht bergauf aus Zürich hinaus, bis uns kurz darauf eine Autobahnsperrung zwingt wieder für einige Kilometer eine Umleitung über die Bundesstraße zu nehmen. Der Verehr ist sehr dicht und wir kommen nur langsam voran, verlieren viel Zeit, bis wir endlich wieder auf die Autobahn auffahren können. Während der Weiterfahrt durchqueren wir viele Tunnel, dir mir ein wenig Probleme bereiten. Lange Tunnel mit dem Motorrad zu durchfahren ist mir ein Graus. Meine Augen brauchen lange, bis ich wirklich etwas sehe und die Hitze und die stickige Luft in der Mitte machen mir zu schaffen. Ich hoffe, dass der Gotthardpass freigegeben ist, denn sonst müssten wir durch den 16 Kilometer langen Gotthardtunnel fahren, wobei der Gedanke daran in mir recht beklemmende Gefühle weckt.
Irgendwann endet die Autobahn und wir fahren auf der Bundestraße stetig bergauf, wobei wir kleine Tunnel durchqueren und die Landschaft langsam wirklich nett wird. An dem schönen Urner See halten wir, um Rast und Fotos zu machen und um zu twittern. Es ist nun nicht mehr weit bis zum Pass und bei mir steigt die Spannung, ob er auch zum Befahren freigegeben ist. Bloß nicht den Tunnel nehmen zu müssen ist mir gerade echt wichtig. Einige Zigaretten später fahren wir weiter und erreichen 45 Minuten später den Fuß des Gotthards. Die Anzeigetafeln weisen alle Pässe als befahrbar aus und nichts ist gesperrt. Vor der ersten Serpentine halten wir und filmen, machen Fotos und twittern. Der Gotthard hüllt sich in dichte Wolken und der Verlauf des Anstiegs ist nicht erkennbar. Das kann ja heiter werden – einen 2000 Meter hohen Pass bei beschissenem Wetter überqueren. Trotzdem bin ich sehr gespannt darauf, was uns erwartet, als ich mir meine Regenkleidung anziehe. Wir machen aus, dass jeder seine eigene Geschwindigkeit fährt und wir uns oben treffen.
Der Anstieg beginnt relativ harmlos, ich fahre trotzdem vorsichtig, denn die breite und gut ausgebaute Straße ist nass. Nach einigen nicht sehr engen Serpentinen durchfahre ich einige Galerien und es geht recht steil bergauf. Immer höher führt uns der Pass, bis sich plötzlich die bisher noch halbwegs angenehm fahrbare Straße in dichten Nebel hüllt und wir in die Wolkendecke eintauchen. Dann regnet es plötzlich. Stephan und Patrick verlieren sich im Nebel und ich werde langsamer, weil ich keinen Anhaltspunkt mehr habe und zudem noch mein Visir beschlägt. Ich kann keine 20 Meter mehr weit sehen und reiße das Visir auf. Dann plötzlich hört der Regen auf und ein Fleckchen Sonne bricht durch die Wolken. Jetzt ist alles so hell, dass ich immer noch nicht gut sehe. Ich muss die Augen zusammenkneifen, so hell ist die Sonne, die vom Schnee am Straßenrand und dem immer noch in der Luft hängendem Nebel reflektiert wird. Irgendwann taucht Patrick wieder vor mir auf, der aber dann ein Auto überholt und mir wieder davonfährt. Einige Kurven später sind wir auf ungefähr 2000 Meter und es geht wieder bergab.
In einer Serpentine, wo auch ein Parkplatz ist, treffen wir auf Stephan, der mit uns hier noch eine Kurvendurchfahrt drehen will. Die Sonne scheint, es sind gute Lichtverhältnisse zum filmen, wir fahren ein paar hundert Meter zurück, als wir wieder in dichten Nebel gehüllt werden. Das Wetter hat sich innerhalb von einer Minute geändert und ich sehe wieder wie das Bremslicht meines Vordermanns im Nebel verschwindet. Es sieht aus, als sinke ein heller Kieselstein in einen dunklen See.
Vorsichtig taste ich mich bei der Abfahrt durch den Nebel, als der Himmel plötzlich wieder aufreißt und die Sonne gleißend auf die Straße fällt. Mit den Handschuhen wische ich mir die kleinen feinen Tropfen von der Brille, als sich ein Regenbogen quer vom Berghang Richtung Tal zieht. Die Sonne scheint die Wolken nun endgültig besiegt zu haben. Wir halten an und machen eine kurze Rast, twittern und dann geht es weiter, wobei wir teilweise den alten Gotthardpass fahren, bei dem die Straßendecke noch aus Kopfsteinpflaster besteht. Aufgrund der Nässe fahren wir vorsichtig, denn mit nassem Pflaster ist nicht zu spaßen.
Dann endet der Pass in Airolo und wir halten bei der nächsten Gelegenheit an, ziehen die Regenklamotten aus und suchen uns ein Restaurant, um etwas zu essen. Nach kurzem suchen finden wir auch ein nettes und nicht so teures Lokal und bestellen alle eine Pizza, die wirklich grandios schmeckt, was irgendwie klar ist, sind wir doch nun in der italienischsprachigen Schweiz. Wir sprechen über die vergangene Stunde, die wirklich sehr bewegend war. Das sich die Wetterverhältnisse so schnell ändern können, hätte ich nicht gedacht. Es war alles dabei: Regen, Nebel, Sonne – und am Straßenrand liegt Schnee.
Als wir zurück zu den Motorrädern kommen, um weiterzufahren, streikt man Anlasser. Er scheint genau in der Position zu stehen, die ihm nicht gefällt, und so klickt nur der Magnetschalter, aber der Anlasser dreht nicht. Da die Straße abschüssig ist, lasse ich mich einfach anrollen. Dann mache ich die XJ nochmal aus und drücke nochmal auf’s Knöpfchen: Der Anlasser dreht und der Motor springt sofort an. Ich bin beruhigt und wir fahren weiter.
Der Rest der Strecke führt und weitgehend über die Autobahn und erst kurz vor der Grenze nach Italien fahren wir ab. Über die Schnellstraße erreichen wir schließlich den Lago Maggiore und nach einer kurzen Fahrt am Ufer entlang die Grenzstation. Leider können wir den Grenzübertritt nicht filmen, weil es verboten ist. Wir fahren weiter am Ufer entlang und es werden uns noch einige nette Kurvenfahrten geschenkt. Aber langsam wird es Zeit einen Campingplatz zu finden, denn ich bin von den Eindrücken des Tages und auch von der recht weiten und anspruchsvollen Strecke ziemlich erschöpft. Schließlich erreichen wir die Stadt Cannobio, wo wir einen netten Campingplatz finden, der direkt am See liegt – und es ist sogar noch ein Plätzchen für uns frei.
Erschöpft aber glücklich schieben wir unsere Maschinen auf den uns zugewiesenen Platz und schlagen unsere Zelt auf. Dann gehen wir in das direkt nebenan gelegene Restaurant des Platzes, retrospektieren, quatschen, twittern, essen dabei ein paar Knabbereien und lassen den Abend mit Bier und Grappa ausklingen. Ich probiere Patricks Schnupftabak und stelle fest, dass es nicht ganz mein Ding ist, mir etwas mit Metholaroma in die Nase zu ziehen. Unangenehm ist es nicht, aber irgendwie kann ich daran nichts erquickendes finden.
Irgendwie finde ich auf meinem Telefon noch ein altes MP3 von Radiopannen, wo ein Radiosprecher einen ziemlich verrückten Text vorliest und sich ständig korrigieren muss. Allgemeines Gelächter, nach dem Alexander “für sie scheiß ich Drillinge!” (für sie dreißig Schillinge) twittert. Genitalien…
Stephan verschwindet zuerst in seinem Zelt, aber Patrick, Alexander und ich folgen ihm kurz darauf und hauen uns auch hin. Von der Anstrengung und vom Bier wie betäubt falle ich schnell in einen tiefen Schlaf, unmöglich noch über den Tag nachzudenken, der so viele unterschiedliche Eindrücke geboten hat. Vielleicht morgen.
Tags: italien, touren, twitaly, Unterwegs, XJ
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schreibt am 13 Aug 2009 um 17:07
Hach ja. Schön, die Tour im Geiste zu wiederholen. Super Bericht!
“ich kann sein breites Grinsen fast in meinem Rücken spüren…” Hihi. ;-)
schreibt am 13 Aug 2009 um 23:53
Toller Bericht, beeindruckend das Du so ehrlich von Deinen Ängsten und Schwächen schreibst. Würde mich nicht wundern, wenn durch Eure interessante Berichterstattung, nächstes Jahr die Zahl der Mitreisenden auf über 50 Fahrer wächst ;)
schreibt am 14 Aug 2009 um 08:50
Klasse! Klasse geschrieben, klasse nachzuvollziehen. Das hat wirklich Spaß gemacht deinen Text zu lesen. Ehrliche Erlebnisse weitab vom PS-Gedröhn anderer Fahrer, die durch die Alpen donnern.
schreibt am 14 Aug 2009 um 09:29
Sehr schön geschrieben! (Wie nicht anders zu erwarten war. ;-))
Hat wirklich Spaß gemacht, das Ganze, bequem auf der Couch lümmelnd, nochmal Revue passieren zu lassen! :-)
Freue mich schon auf die Sauerlandtour! :-)
schreibt am 14 Aug 2009 um 09:54
wow, toller bericht, wie immer sehr lesenswert geschrieben.
freu mich schon auf weitere tourenberichte ;)
lg
vbernd
schreibt am 14 Aug 2009 um 21:16
Wow, was für ein Bericht. Wenn mir noch mal jemand sagt, ich würde viel schreiben, schicke ich ihm den Link hierher ;-)
Sehr gut hat mir auch gefallen, dass deine Stimmung gut rüberkam – die Emotionen machen einen Bericht immer gleich viel persönlicher.
schreibt am 16 Aug 2009 um 15:20
Danke für den Bericht.
Hab mir Zeit gelassen, um Zeit für ihn zu haben.
Sehr schön. Meine Lieblingstelle ist natürlich die, wo du und Patrick vorgefahren sind “… und wie im Rausch prügeln wir unsere Yamahas den Berg hinauf.”
Nur schade, dass du dich so kurz gefasst hast ;-)
Nebenbei: die Baghira wiegt 170 nicht 140kg. Reicht mir aber trotzdem.
schreibt am 18 Aug 2009 um 16:33
Jetzt habe ich endlich mal die Zeit gefunden, Deine kleine Kurzgeschichte durchzulesen und muss sagen, dass Du die Stimmung des “Tourens mit Freunden” sehr gut rübergebracht hast.
Hast Du Dir eigentlich tagsüber Notizen gemacht? Von meine Eifletouren hätte ich nachträglich nie so vollständige Berichte schreiben können…
schreibt am 23 Aug 2009 um 13:03
Hab mir den Bericht gerade beim Essen zu gemüte geführt. Wirklich unterhaltsam.
schreibt am 24 Aug 2009 um 08:11
@Stephan: Okay, dann eben 170 Kilo, aber die Baghira macht halt nen schlanken Fuß! :-)
@Dennis: Also Notizen mache ich mir nicht, aber während ich fahre bilden sich in Gedanken schon einzelne Sätze über das was gerade passiert. Wenn ich dann den Bericht schreibe, dann nehme ich auch die Fotos vom Telefon zur Hilfe, so kann ich mich meist recht gut erinnern. Obwohl ich zugeben muss, dass knapp eine Woche schon echt an der Grenze sind. Da passiert einfach so viel… ach und das GPS Logging von Patrick war auch eine gute Hilfe.
schreibt am 25 Aug 2009 um 12:27
Vielen Dank für diesen lebendigen Bericht. Besser als Kino. Nach dem Lesen hatte ich das Gefühl ICH hätte diese Tour gemacht.
schreibt am 25 Aug 2009 um 21:44
Hi Marc,
lange nix gehört. Cool, dass du auch in Italien warst :)
Komm mal auf n Kaffee/Bier/Wein/Kühlwasser vorbei…
P