Mein Vater hat mich gestern zu Gernot von Moto Moscow gefahren, ich habe mir bei ihm eine Ural 650 Baujahr 92 mit 5500 Kilometern gekauft. Auf der A1 ist Stau, also trudeln wir etwas später als erwartet ein, was aber nicht schlimm ist, da ich mit Gernot eh keine feste Zeit ausgemacht hatte. Als wir dann endlich ankommen, hat Gernot bereits Besuch und wir unterhalten uns erstmal ein wenig.

Dann gehen wir ins „Werk II“ wie Gernot immer scherzhaft zu seinem Schuppen etwas die Straße rauf sagt. Dort angekommen helfen wir Gernot erstmal ein paar Reifen ins Lager zu schaffen, dann rangieren wir die Urals hin und her, bis wir mein neues Schätzchen aus dem Schuppen schieben können.

Ich will es selbst antreten, und zum Leben erwecken, also Benzinhahn auf, drei mal leer durchkicken wie ich es auch bei der Enfield mache, Zündung an und Rums. Läuft an, geht wieder aus. Naja okay, dann vielleicht doch besser mit Choke. Also Choke rein, ankicken und siehe da: Es lebt.

Wir fahren dann über die Wiese wieder nach „Werk I“, ich alleine mit meiner Neuen, Gernot und sein Besuch mit der Dieselural. Dort angekommen schraubt mir Gernot das Kurzzeitkennzeichen an mein Schätzchen und baut mir noch ein neues Blinkrelais ein, weil es das Andere nicht richtig tun will. Danach schieben wir uns erstmal eine Pizza in den Ofen und quatschen ein wenig. Das nenne ich Service. Da kaufst du ein gebrauchtes Motorrad und wirst noch kulinarisch und auch sonst freundlich umsorgt, da könnten sich andere Händler ruhig eine Scheibe von abschneiden. Wobei es natürlich schwierig ist, als „normaler Händler“ diese Art von Service zu bieten, denn der Kundenstamm ist einfach viel Größer. Wer interessiert sich schon für Ural, müssen wohl alles Freaks sein.

Nach dem Essen beschäftige ich mich noch ein wenig mit dem Computer von Gernots Frau, der keine Verbindung zum Internet herstellen kann. Also fix die Netzwerkkarte installiert, IP und Gateway eingerichtet und siehe da, die Tore zur digitalen Welt stehen wieder offen.

Bevor ich losfahre möchte Gernot, dass ich noch eine Runde um die Stadt fahre und er zwingt seinen Bekannten, der übrigens mit einer F650 angereist ist, sich als Lebendballast in mein Boot zu quetschen. Ankicken, Gang rein, los gehts. Wir fahren vom Hof auf die Straße, das Gespann fährt ziemlich eirig, aber ich komme gut um die Ecken und absolviere die Ehrenrunde durchs Dorf ohne Probleme. Seltsames Gefühl mit einem Gespann zu fahren, wirklich seltsam. Danach gibt Gernot mich für die Straße frei und kurz nach 17 Uhr rolle ich dann alleine und mit mitgebrachten Gewicht, also Katzenstreu und meine Werkzeugkiste im Boot, vom Hof.

Was habe ich doch vorher für Schreckensberichte über die erste Gespannfahrt gelesen. Grausige Geschichten kursieren, bei denen sich Gespannfahrer auf ihrer ersten Fahrt gleich in der ersten Kurve den Graben angesehen haben. Auch Gernot erwähnte das und daher scheinen diese Geschichten nicht nur Gerüchte zu sein. Deswegen hatte ich letzte Woche schon ein wenig Sorgen und las viel über Gespannfahren, die Fahrphysik und viele andere Erfahrungsberichte. Wie es theoretisch funktioniert, war mir also klar, nur Theorie und Praxis, das sind eben zwei paar Schuhe.

Mein Angst ist unbegründet. Das Fahren ist einfacher als ich dachte. Ich habe mehr Probleme mich auf das Getriebe einzustellen, als auf das Fahren. Ich komme ohne Probleme um die Kurven, achte aber auch immer darauf, dass ich eine der Kurve angepasste Geschwindigkeit fahre, damit der Seitenwagen nicht hochkommt. Das möchte ich erstmal in Ruhe auf einem Parkplatz trainieren, also heißt es erstmal die Kurven nicht allzu schnell zu fahren. Wenn es geradeaus geht, fahre ich meist zwischen 80 und 90 Km/h, was problemlos funktioniert. Die Woche vorher habe ich versucht mir die ganze Zeit Eines in mein Gehirn zu meißeln: Du musst lenken, nämlich dahin, wo du hin willst. Scheint geholfen zu haben.

Gespannfahren ist witzig, richtig witzig! Das Ding fährt eigentlich nie geradeaus, es eiert immer ein wenig. Irgendwie fühlt sich das so an, wie auf einem Schiff bei leichtem Seegang. Naja und Kurvenfahrten sind auch toll, wenn das mit dem Gasgeben und Bremsen sich erstmal erschlossen hat. Gasgeben bedeutet nach rechts fahren, Bremsen bedeutet nach links fahren. Kurven können so bis zu einem bestimmten Grad nur durch Gasgeben oder Bremsen durchfahren werden. Als ich das nach etwa 50 Kilometern raus habe, wird das Fahren viel angenehmer und fängt an richtig Spaß zu machen. Auch der nicht vorhandene klare Geradeauslauf stört mich nun nicht mehr und das Gegensteuern und Korrigieren scheint bereits aus dem Unterbewusstsein zu kommen.

Nach vier Stunden und rund 140 Kilometern rolle ich dann schließlich in Menden bei Steffi auf den Parkplatz. Ich parke rückwärts ein, stelle den Motor ab und freue mich, dass alles so gut geklappt hat und das ich nun endlich mein lang ersehntes Ural Gespann habe.

Abschließend noch einige Tipps, wenn Jemand zum Ersten mal von einer Solomaschine auf’s Gespann wechselt:

  • Erstmal auf einer Wiese oder auf einem Parkplatz rumfahren, das Lenken verinnerlichen und sich mit dem Verhalten eines Gespanns vertraut machen
  • In die Fahrphysik einlesen, andere Erfahrungsberichte lesen, im Internet gibt es viel kostenlose Literatur dazu
  • Immer unbedingt angepasste Geschwindigkeiten fahren
  • Vor Rechtskurven ein wenig bremsen und dann die Kurve mit leichtem Gasgeben durchfahren
  • Vor Linkskurven ein wenig Gasgeben und dann die Kurve mit leichtem Bremsen durchfahren
  • Ballast in den Seitenwagen geben, Blumenerde, Zementsack, Katzenstreu, egal, aber Gewicht muss rein
  • Nicht übermütig werden, wenn der Seitenwagen hochkommt, ohne es vorher trainiert zu haben, geht es meistens in den Gegenverkehr
  • Vorausschauend fahren, ein Gespann bremst anders
  • Die Breite des Seitenwagens beachten, wichtig beim Abbiegen, Kurvenfahren und Überholen