Diesel Motorräder werden oft belächelt, was ich persönlich nicht nachvollziehen kann. Diesel Motorräder sind in einigen Punkten nämlich gegenüber Benzinern unschlagbar. Doch erstmal etwas Diesel Historie:

Die Diesel Motorräder wurden aus der Not heraus in Indien geboren. Dort kamen gewitzte Mechaniker auf die Idee stationäre Dieselmotoren aus der Landwirtschaft in alte Enfield Rahmen zu bauen. So wurden die Motorräder auch für die ärmeren Bevölkerungsschichten erschwinglich, da die Anschaffungs- und Unterhaltskosten für ein solches Motorrad wesentlich geringer sind. Das Konzept war bei den Leuten so beliebt, dass Royal Enfield begann ein Diesel Motorrad sogar in Serie zu fertigen - die Enfield Taurus.

Aber nicht nur in Indien beschäftigten sich einige Enthusiasten mit Dieselmotorrädern, auch hier in Europa tüfteln einige Leute seit Jahren daran herum. Davon konnte ich mich im letzten Jahr auf dem 5. internationalen Dieselmotorradtreffen in Hamm überzeugen. Ein heiden Spaß übrigens, da sehr viele unterschiedliche Dieselkrads zu sehen sind - ich kann die Veranstaltung für die kommende Saison sehr empfehlen, auch Nicht-Dieselfahrer wie ich waren und werden wieder willkommen sein (siehe: www.dieselkrad.info).

Was die Dieselmotorräder auszeichnet, ist der unschlagbar niedrige Verbrauch: Bei einer Enfield Hatz Diesel sind das etwa 1,5 bis 2,5 Liter Diesel auf 100 km. Mit einer Tankfüllung an die 1000 Km zu fahren ist keine Seltenheit (je nach Tankvolumen natürlich) und es lässt sich weitgehend problemlos auch Salatöl (Biodiesel) zumischen, wodurch die Kosten noch niedriger werden. Wartung und Pflege kann durch die einfache Bauweise begünstigt weitgehend selbst durchgeführt werden und wer klassische Motorräder mag, der kann sich auch noch am Design der Maschinen erfreuen.

Das es im Dieselbereich aber auch ganz anders zugehen kann, das zeigt jetzt Neander Motors, die von sich selbst behaupten, die ultimative Dieselmaschine entwickelt zu haben (siehe: www.neander-motors.com). Ein ansprechendes Motorrad, angetrieben von einem zweizylindrigen 1,4 Liter Common Rail Turbo Diesel, das in Kleinserie produziert werden soll. Der Motor leistet dabei 100 Pferdestärken, die das 300 Kg schwere Gefährt bis auf 220 Km/h bringen sollen - und jetzt kommt wieder der Diesel Vorteil: Bei einem Verbrauch von nur 4,5 Liter auf 100 Km.

Das schönste an der Neander Diesel ist aber sicherlich das Chopper Design, welches moderne mit klassischen Formen verbindet und zum Cruisen einläd. Auch die Ausstattung ist reichhaltig bis überschwenglich, hinten ein 240er Reifen, Brembo Schreibenbremsen hinten und vorn, frei einstellbare Federbeine und und und...

Es ist auf jeden Fall ein tolles Motorrad, aber jetzt kommt ein Punkt, der so gar nicht der Dieselphilosophie entspricht: Der Preis.

Die Neander Diesel soll 68.500,- € kosten.
(Auf der Zunge zergehen lassen: 68.500,- € = Eigentumswohnung!)

Die ursprüngliche Idee der Dieselmotorräder war, Menschen mit wenig Geld zu motorisieren. Die Neander Diesel karikiert dies nun, was aber sicherlich auch auf den gesellschaftlichen Hintergrund zurückzuführen ist, in dem das Motorrad entworfen wurde. Europa und Indien haben bedingt durch die Kolonialzeit einige Gemeinsamkeiten, sind aber nur sehr eingeschränkt vergleichbar. Natürlich sind hier in Europa die Gehälter höher und der Lebensstandard besser, aber auch wir müssen in letzter Zeit den Euro oft mehrmals umdrehen. Mich würde freuen, wenn jemand sich hinsetzt und unter diesem Gesichtpunkt ein neues Dieselmotorrad entwickelt. Ein Mischung aus einer Royal Enfield Diesel und der Neander Diesel - also im Grunde eine Enfield Diesel mit 40 PS! ;-)

Neander Motors wird sicherlich kein Problem haben, die 10 Krafträder der Kleinserie an den Mann/die Frau zu bringen. Ich hoffe nur eines: Das die Maschinen artgerecht gehalten werden, also in die Hände von wirklichen Diesel und Motorrad Enthusiasten gelangen, und nicht in den Garagen von neureichen Zahnärzten neben einer Harley Davidson enden und nur 5 Mal im Jahr die Sonne sehen.