Ich komme viel später los als ich geplant hatte. Zehn Uhr sollte es losgehen, jetzt ist es halb zwei. Gut, es sind nur 300 Kilometer bis nach Weiskirchen im Hunsrück, aber fünf bis sechs Stunden werde ich sicherlich unterwegs sein. Ich stelle noch schnell die Zündung auf 0,75 mm vor OT ein, das ist besser für die lange Strecke. Dann ist es Zeit loszufahren, also setze ich den Helm auf, streife die Handschuhe über und quetsche mich auf die schwer beladene Enfield. Mit dem ersten Kick erwacht sie gegen die Betonwände der Garage brüllend und ich fahre los. Immer ein fast magischer Moment.

Die Anreise

Enfield in der GarageNachdem ich die Maschine nochmal auf den Hauptständer gestellt habe, um das Garagentor wieder zu schließen tuckere ich los. Die Enfield wird warm, die Ventile fangen an zu tickern, ich bin glücklich wieder unterwegs zu sein und habe mir zumindest für die Durchquerung des Sauerlands eine wunderschöne Strecke herausgesucht. Von Balve geht es über Affeln Richtung Plettenberg, eine tolle kurvenreiche Bergstrecke, und in Plettenberg fahre ich Richtung Lettmecke, um später in Lichtringhausen über die alte Dorfstraße den Biggesee zu erreichen. Eine gute Entscheidung, diese Abkürzung zu fahren, denn die Straße entpuppt sich als asphaltierter Wirtschaftsweg, teilweise passen keine zwei Autos nebeneinander her, diese Straße ist das Territorium der Enfield, hier fühlt sie sich Zuhause, das ist der Ursprung.

Dann geht es über Neu Listernohl am Biggestausee entlang, eine Strecke, die ich schon oft gefahren bin und immer wieder gerne fahre. Die Stauseen im Sauerland sind allesamt empfehlenswert, aber die Bigge und ihre Umgebung ist besonders schön, eingebettet in mehrere Täler, deren Berge zum Erklimmen mit dem Motorrad einladen.

Ich habe vergessen zu tanken und muss schon eine Stunde nach Fahrtbeginn auf Reserve schalten. An der nächsten Tankstelle halte ich an, tanke, rauche und fahre kurze Zeit später weiter, übrigens mal wieder belustigt über die Blicke einiger Autofahrer. Die Enfield zieht die Blicke an, wie Limonade die Wespen, aber es stört mich schon lange nicht mehr. Wie in der Werbung: Nur schauen, nicht anfassen.

Über die Bundestraße erreiche ich kurz darauf Olpe, eine der „Metropolen“ des Sauerlands. Dank der vielen Kreisverkehre kann ich die Stadt relativ zügig durchqueren, doch der Freitagnachmittag Feierabend Verkehr macht sich doch bemerkbar. Nun geht’s Richtung Montabaur, die Enfield läuft wie ein Uhrwerk, der neue Auspuff ist ein echter Lustgewinn, sie trägt mich durch die leicht bergige Landschaft, die von vielen Feldern und Wiesen geprägt ist.

Hinter Montabaur wird es wieder bergiger und Waldiger, ich fahre nun Richtung Koblenz, um dort den Rhein auf der Südbrücke zu überqueren. Ich mag es Flüsse zu überqueren, vielleicht weil eine Brücke immer ein Stück Geschichte ist. Der Brückenbau ist eine alte Technologie, welche die Menschen näher zusammenbringt und natürliche Grenzen abbaut. Das war bereits vor 4000 Jahren so und ist es noch heute.

Hinter Koblenz geht es irgendwann steil bergauf und ich muss im fünften ziemlich am Kabel ziehen, wobei der Auspuff dann ziemlich laut wird. Ich genieße das Geräusch, bis auf einem Parkplatz zwei Polizisten stehen, die mir staunend hinterherschauen. Weniger Gas als Vollgas ging leider nicht, der Berg war wirklich steil, aber nach einigen prüfenden Blicken in die Seitenspiegel stelle ich erleichtert fest, dass sie nicht die Verfolgung aufgenommen haben. Es ging wohl mal wieder nur um die Enfield und nicht um den Auspuff.

Ich bin nun auf der Hunsrückhöhenstraße, der Bundesstraße 327, die ich fast bis zur Ankunft in Weißkirchen fahren werde. Leider gibt es jedoch wegen Bauarbeiten eine Umleitung, sonst wäre ich direkt am Flughafen Frankfurt-Hahn vorbei gefahren. Warum dieser Flughafen Frankfurt-Hahn heißt ist mir schleierhaft. Immerhin ist Hahn über 120 Kilometer von Frankfurt entfernt, aber so ist das wohl mit den Billigflughäfen. Irgendwann nennen die Marketingfuzzis einen Flughafen in Bayern „Flughafen Hamburg – Penzberg“. Liegt ja schließlich global betrachtet auch irgendwie in der Nähe.

Die Umleitung ist mal wieder ziemlich beschissen beschildert und ich verpasse ein Schild, was ich aber nach einigen Kilometer bemerke und umkehre. Als ich in eine scharfe Kurve einfahre, werden beide Reifen plötzlich und trotz wirklich gemäßigter Gewschindigkeit wohl aufgrund der hohen Gepäcklast und feuchten Straße richtig seifig. Ein ätzendes Gefühl, doch ich kann die Kupplung ziehen, Schräglage rausnehmen und die Maschine so ohne Probleme abfangen. Ich weiß ja, dass die Avon Reifen bei Regen ziemlich mies sind, aber dass die Grenze bei beladener Maschine noch weiter nach unten sinkt, das war mir neu. Wieder was gelernt, denn ich habe mich ja bewusst für die Avon Reifen entschieden. Die klassische Optik gefällt mir und der Reifen hält einfach ewig, so bretthart wie das Gummi ist. Und solange es trocken ist, fährt sich der Reifen auch gut.

Nach einigen Kilometern finde ich dann auch das nächste Umleitungsschild, ich bin wieder auf Kurs und die Umleitung endet schließlich wieder auf der Hunsrückhöhenstraße, die angenehm zu fahren, aber auch etwas langweilig ist. Eine gut ausgebaute Bundesstraße eben, die immer mal wieder von kleineren Ortschaften unterbrochen wird. Kurvenfeeling stellt sich nicht ein, aber so bin ich wenigstens nicht allzu spät da, das Zelt will ja auch noch aufgebaut werden und das mache ich ungern im Dunklen.

Irgendwann fahre ich von der Hunsrückhöhenstraße ab, auf eine kleine Landstraße, die mich durch einen dichten Nadelwald Richtung Weiskirchen führt. Plötzlich taucht dann rechts ein Parkplatz auf, auf dem einige Zelte und Enfields stehen auf. Das wird wohl das Treffen sein, denke ich, aber brettere vorbei, um in Weiskirchen noch ein wenig Bargeld zu organisieren. Dann fahre ich zurück und bin endlich da.

DSC00083.jpgSofort sehe ich einige bekannte Gesichter, aber auch einige Neue, Ralf kommt auf mich zu, wir quatschen ein wenig, dann mache ich mich daran mein Zelt aufzubauen. Inzwischen habe ich richtig Übung, aber was doch ein wenig nervt, der Parkplatz ist recht steinig und die Heringe wollen mit dem Hammer in den Boden getrieben werden. Glücklicherweise ist Ralf besser ausgerüstet als ich und leiht mir den seinigen. Ich selbst verleihe meine Stirnlampe für die Nacht an meine Zeltnachbarn. Ich brauche sie sowieso nicht, weil ich Nachts nie raus muss. Hurra, ich bin kontinent.

Das Gelände ist eher ungeeignet zum Zelten, auf dem unteren Teil des Parkplatzes ist es durch den Regen ziemlich matschig, oben irgendwie ungemütlich durch den steinigen Untergrund und auch, weil die Straße direkt an dem Parkplatz vorbeiführt.

Nachdem das Zelt steht und ich meine Dose „Ich bin da“ Bier getrunken habe, drehe ich erstmal ein Fußrunde, um das Gelände zu erkunden und die angereisten Maschinen zu begutachten. Ich entdecke nicht nur Enfields, auch eine schöne 750er Ural Tourist in rot-weiß ist angereist. „Wenn die Dinger nicht so teuer wären“, denke ich in mich hinein seufzend.

Weiter oben eine schmalen Straße hinauf gibt es eine Gaststätte, Anlaufpunkt für Wanderer und Spaziergänger, aber dieses Wochenende auch unsere Versorgungsstation, wenn es um flüssig oder feste Nahrung geht. Ich sehe mich in Ruhe um und bestelle mir dann ein Bier und schlendere wieder zum Park- bzw. Zeltplatz.

DSC00085.jpgDieter und Johanna sind inzwischen da, die ich beide herzlich begrüße, Rolf und Bernd sind ebenfalls eingetrudelt, Bert der alte Ölfinger ist auch da und noch viele weitere Bekannte. Dieter gibt mir die Kopie eines Berichts aus der Zeitschrift des CBBC über das Solinger Treffen, was mich sehr freut. Ich werde ihn später lesen, erstmal machen wir ein gemeinsames Foto und gehen danach wieder zur Gaststätte, wo inzwischen der Grill auf hochtouren läuft. Wir gehen unsere Wege, treffen uns ein paar Mal wieder, ich trinke mir ein paar Bier und sitze irgendwann neben Rolf am Tresen. Er erzählt von seinen Reisen nach Thailand, von seiner Enfield, ich höre interessiert zu, wissend, von guten Menschen mit gleichen oder zumindest ähnlichen Ansichten und Leidenschaften umgeben zu sein. Doch irgendwann bin ich müde und verziehe mich in mein Zelt. Der Tag war anstrengend, das Bier tat sein übriges.

Samstag

Ich wache auf. Halb acht morgens. Eine Enfield kommt angerauscht, dreht eine Ehrenrunde über den Platz und ich murmele „Dieter ist da“. Ich kenne diesen Auspuff, ich habe den Gleichen. Außerdem kenne ich Dieter und weiß, dass ihm manchmal der Schalk im Nacken sitzt und er sich gerne einen Spaß erlaubt. Ein halbe Stunde dämmere ich im halbschlaf noch vor mich hin, dann ziehe ich mich langsam an und stehe auf.

Mein Frühstück besteht vorwiegend aus Kaffee, schwarz. Ein Brötchen und etwas Rührei kommt dann doch noch hinzu. Beim Bezahlen bin ich ziemlich erschrocken: Der Spaß kostet 8 Euro. Ich hatte gedacht, ich bezahle nur das, was ich esse, aber nein, es war als Buffet gedacht. Hätte ich das gewusst, wäre ich beim Kaffee geblieben, oder hätte zumindest so viel gegessen, dass sich die 8 Euro auch gelohnt hätten. Ich bin ja nicht knauserig, aber das war doch rausgeworfenes Geld.

Später treffe ich auf Dieter und Johanna, und ich hatte Recht: Dieter war es, der den morgendlichen Weckruf erzeugt hat. Wusste ich es doch. Gemeinsam mit einigen Anderen setzen wir uns vor der Gaststätte in die Sonne. Das Wetter scheint heute gut zu werden, was für ein Glück, denn gestern sah es nicht gut aus. Ich war immer mal wieder nass geworden.

Es ist schön einfach dazusitzen und sich zu unterhalten, abseits vom morgendlichen Trouble auf dem Campingplatz. Es sind dieses Jahr wirklich Viele erschienen, aber ich denke nicht so viele wie letztes Jahr. Ob’s am Wetter liegt? Wir wissen noch nicht, ob es eine Ausfahrt geben wird, das Treffen ist ziemlich locker organisiert, was meinen Geschmack durchaus trifft – Immer schön locker durch die Hose atmen.

DSC00096.jpgDann wird uns schließlich erzählt, dass eine Ausfahrt stattfinden wird, es geht rüber nach Luxemburg und Frankreich. Das finde ich klasse, ich war noch nie in Luxemburg und noch nie in Frankreich. Mal sehen, wie es sich da so fährt. Also bewegen wir uns langsam in Richtung der Maschinen und bereiten uns auf die Ausfahrt vor. Ich schlüpfe aus den Jeans und ziehe meine Motorradhose über. Vorsichtshalber packe ich noch die Regensachen in die Seitentaschen, es sieht zwar inzwischen nicht mehr nach Regen aus, aber falls es doch anfangen sollte zu regnen, will ich wenigstens etwas dabei haben, denn schließlich muss ich morgen in den Lederklamotten auch wieder zurück fahren, es wäre doch ziemlich widerlich die ganze Zeit in nassem stinkendem Leder auf dem Bock zu hocken.

DSC00087.jpgIch kicke die Enfield ins Leben und fahre vom Zelt aus nach vorne, so wie Alle, die an der Ausfahrt teilnehmen wollen. Es scheint, als wollten die Meisten mitfahren und es kommen so einige Maschinen zusammen. Es wird mal wieder klar, wie unterschiedlich die Enfields doch teilweise sind, sehr individualisiert, Jede irgendwie anders und bei den Fahrerinnen und Fahrern sieht es genauso aus. Als sich der Haufen ein wenig sortiert hat bollern wir los. Es ist immer wieder schön mit anderen Enfields in der Gruppe zu fahren, vielleicht gerade weil mir andere Bullets in freier Wildbahn einfach nie begegnen. Die Maschinen sind selten, weshalb die Treffen auch immer so schön überschaubar sind.

Wir fahren durch den Hunsrück, eine schöne Gegend, leicht hügelig, viel Wald, gut ausgebaute Straßen mit leichten Kurven – ein typisches Enfield Revier. Es geht zügig zu, meist mit 90 bis 100 Km/h fahren wir westlich in Richtung der luxemburgischen Grenze. Schließlich überqueren wir die Saar und kurz darauf die Mosel und erreichen Schengen.

Schengen? Da war doch was… klar, Dreiländereck, Schengener Abkommen, hier bin ich also. Wir fahren noch ein Stück die Straße rauf und laufen eine Tankstelle an. Einige tanken, ist in Luxemburg ja günstig, kaufen Zigaretten oder Kaffee, die Meisten quatschen ein wenig und die Stimmung ist hervorragend. Interessant finde ich, das vor dem Eingang der Tankstelle palettenweise Kaffee steht. Ich hatte schon im Vorfeld davon gehört, dass viele Deutsche nach Luxemburg fahren, nur um dort Kaffee zu kaufen, weil er wesentlich günstiger ist.

DSC00090.jpgIrgendwann rücken wir wieder ab und sammeln uns in der Nähe des Ufers der Mosel. Eine Zigarettenlänge später geht es dann weiter und wir fahren über die Grenze nach Frankreich. Ich bin überrascht, wie schnell sich Umgebung durch eine nichtmal gesicherte Grenze doch ändern kann, die Häuser hier in Frankreich sehen ganz anders aus, irgendwie zerfallen, abgehalftert, aber cool. Genau wie die Straßen. Die Sonne scheint inzwischen sehr kräftig und es ist warm, aber das die Wetterbesserung mit der Überquerung der Grenze zu tun hat, das schließe ich dann doch aus. Gaja sind unsere Grenzen scheißegal. Für sie sind die Menschen wie Flöhe auf einem Hund. Ein kräftiges Schütteln würde reichen, um uns loszuwerden. Und wir jucken schon.

Auf der Fahrt durch Frankreich nehme ich das Geräusch dann zum ersten Mal mit Besorgnis wahr: Ein gelegentliches metallisches ticken dringt aus dem Motor an meine Ohren. Ich vermute erst, dass möglicherweise das Auslassventil etwas heiß ist, kann es mir aber nicht vorstellen, weil ich die Bullet ja erst kürzlich bezüglich Temperaturfestigkeit optimiert habe. Zudem sind wir nicht so schnell unterwegs. Dumm nur, dass das Geräusch während der Ausfahr langsam, aber stetig an Lautstärke und Häufigkeit zunimmt. Verdammter Mist denke ich mir, beschließe aber dann, das Geräusch so gut es geht zu ignorieren. Ich will mir davon nicht die Ausfahrt verderben lassen. Mir Sorgen zu machen, dazu ist später noch Zeit.

Nach wunderschönen Streckenabschnitten durch Frankreich erreichen wird dann schließlich wieder Deutschland. Du siehst sofort, wenn du von Frankreich wieder nach Deutschland kommst, der Unterschied im Zustand der Bauwerke ist doch sehr deutlich. Die Häuser in Frankreich erinnern mich teilweise an unsere zweite Schottlandtournee, wo wir mitten in Glasgow in einer recht abgewrackten Hütte wohnten, direkt neben einem Puff. Nette Wohngegend also. Aber ich kann nicht sagen, dass ich leicht abgefuckte Buden nicht cool fände, auf Dauer dort wohnen wollte ich aber trotzdem nicht.

DSC00094.jpgWir fahren nun wieder durch den Hunsrück, nähern uns stetig dem Parkplatz in der Nähe von Weiskirchen. Meine Ohren sind gespitzt, das Geräusch ist immer noch da, es wird immer schlimmer. Ich schiebe es auf Überhitzung, weil das Tempo schneller ist, als ich es Solo fahren würde, aber im Hinterkopf nagt dennoch der Gedanke an mir, dass es mal wieder was ernstes sein könnte. Geil, drei Enfield Jahrestreffen und bei zweien geht was kaputt. Vor drei Jahren der Kolbenfresser und jetzt dieses undefinierbare metallische Klappern, dessen Herkunft nicht mal ermittelt werden kann. Aber es kommt aus dem Motor, dessen bin ich mir sicher.

Wir erreichen schließlich den Parkplatz, ich stelle meine Maschine ab und in der allgemeinen Heiterkeit nach der schönen Ausfahrt verblassen meine Sorgen, ich verschiebe sie auf einen späteren Zeitpunkt. Ich will jetzt einfach nur Spaß haben, Bier trinken, Blech reden, was essen und den sonnigen Spätnachmittag genießen. Nach Hause komme ich sowieso… ich fahr ja Enfield, also scheiß drauf. Morgen ist auch noch ein Tag.

Also schnappe ich mir mein Telefon und fotografiere mich erstmal durch die Maschinen. Danach schlendere ich den Weg hinauf zur Gaststätte und mir fallen dabei einige Besuchermotorräder auf, besonders die Triump Ratte gefällt mir. Aber auch sonst sind einige Besucher mit modernen Maschinen vor Ort, die sich scheinbar für die komischen Kerle interessieren, die diese komischen Motorräder fahren. Der Gedanke ist natürlich ein wenig übertrieben, aber es stimmt schon irgendwie: In der Enfieldgemeinde gibt es herrlich viele Individualisten. Ich mag das.

DSC00108.jpgIn der Gaststätte hole ich mir erstmal ein Bier und setzte mich mit einigen Anderen an einen Tisch. Wir quatschen über dies und das, dann überkommt mich der Hunger und ich bestelle mir eine Spezialität aus der Gegend: Sowas wie Reibeplätzchen, nur viel gröber, eine Mischung aus Bratkartoffeln und Kartoffelpuffer. Ich kann mir den Namen des Gerichts leider nicht merken, aber dazu gibt’s Apfelmus und als ich zurück am Tisch die deftige und großmütterlich portionierte Mahlzeit probiere, schmeckt es wirklich hervorragend. Hunger ist der beste Koch, oder wie sagt der Volksmund?

Dann kommt Dieter und sagt mir, dass Thomas gerade angekommen sei, er wäre unten bei Bert und Marcus am Zelt. Das lasse ich mir nicht zweimal sagen, und gehe kurz darauf zum Ende des unteren Zeltplatzes, wo sich noch einige andere bekannte Gestalten tummeln und munter unterhalten. Aha, hier geht also die Party ab. Wäre der Parkplatz ein Haus, hier wäre die Küche.

Ich begrüße Thomas herzlich und frage ihn ob Sven, der das schöne Treffen in Solingen ausgerichtet hat auch da ist? Leider verneint Thomas dies und erklärt, dass Sven es zeitlich nicht schaffen konnte, weil er beruflich im Stress wäre. Nun denn, da lässt sich leider nichts machen und wir wenden uns dem Rest der Gruppe zu. Wir sitzen Berts Breitarschsattel Probe, der wirklich erstklassig ist und amüsieren uns immer wieder über seinen lustigen Seitenlastenwagen aus Holz, der aber entgegen seinem Aussehen ein technisches Highlight ist, denn die Federung ist über eine runde Blattfeder gelöst, was wirklich gut funktioniert. In anbetracht der Tatsache, dass der Seitenwagen Baujahr 1923 ist, wirklich erstaunlich. Überhaupt ist Berts Hatzgespann ein sehr interessante Motorrad, es ist ein richtiges Gebrauchsmopped, ich mag das. Eine Fußraste hängt auf Halbmast, weil die Vibrationen des Hatz Diesel Aggregats der bereits durch einen Sturz im Solobetrieb angeschlagene Raste den Rest gegeben haben.

DSC00102.jpgBert spricht mich auf das Royal Enfield Forum an. Der Betreiber Gunnar fährt schon lange keine Enfield mehr und ist zeitlich rechts ausgelastet, so dass eine gute Administration des Forums nicht gegeben ist. Bert fragt, ob das Forum nicht irgendwo anders laufen könnte und was man da so machen kann. Da ein Forum für eine besondere Motorradmarke immer wichtig ist, besonders wenn es sich um Motorräder mit gewissen Eigenheiten handelt, sichere ich ihm meine Unterstützung zu. Wir können das Forum bei mir mit auf den Server packen und dann auch direkt auf eine neue Forensoftware wechseln. Es wird zwar ein Haufen Arbeit die alten Beiträge und Nutzer zu importieren, aber irgendwie werde ich mich da schon durchfrickeln. Hauptsache wir haben für das Forum administrative Zukunftssicherheit. Bert bietet auch an, die inhaltliche Verantwortung zu übernehmen, was bei einem Forum ja nicht immer ganz unheikel ist. In der Vergangenheit hat es ja gegen Forenbetreiber schon Abmahnung diverse Abmahnzecken gegeben, und das für Inhalte, die ja überhaupt nicht vom Betreiber, sondern von den Nutzern erstellt wurden. Wir einigen uns deshalb darauf, dass Bert die inhaltliche und ich die Verantwortung für den technischen Betrieb übernehme. Nach dem Treffen wollen wir das angehen. Die Zukunft des Forums ist damit gesichert.

Ich fahre zur Tankstelle, um Kippen zu kaufen, zu tanken und um mir zwei Jacky Cola mitzubringen. Habe ich gerade irgendwie Bock drauf. Als ich zurück bin gehe ich noch ein wenig über den Platz, fotografiere noch einige Maschinen und kehre dann zur Küchenparty zurück. Ich stelle einen Jacky Cola auf Jacks silberner Dieselenfield ab und mache noch ein Foto. Jacky auf Jacks Maschine. Irgendwie finde ich das lustig.

DSC00110.jpgNach einer Weile gehe ich dann wieder nach oben zur Gaststätte, mal schauen, was da so abgeht. Ich setze mich zu Bernd an den Tisch, der mich auf die am Nachbartisch stattfindende Whiskey Probe aufmerksam macht. Da ich guten Whiskey wirklich zu schätzen weiß, allerdings erst seit unseren Bandaufenthalten in Schottland, setze ich mich dazu und bekomme kurz darauf eine Probe angeboten. Ich nehme einen Schluck, die goldene Flüssigkeit läuft meine Kehle hinab und sofort setzt diese angenehme Wärme im Hals und Magen ein, die einen guten Whiskey auszeichnet. Der leicht torfige Geschmack ist sehr angenehm, nicht zu dezent und sehr rund. Ich denke daran, wie ich früher Whiskey verabscheut habe, weil ich nur Jacky oder Jimmy kannte, was nicht als Whiskey bezeichnet werden kann. Ich würde es eher als nach toter Eiche schmeckende Pissplörre bezeichnen – im Vergleich zu einem Laphroaig jedenfalls.

Irgendwann ist es Zeit ins Zelt zu gehen, morgen ist Heimreise. Die Gedanken an das Geräusch sind fortgespült durch gute Gespräche und einen schönen Abend. Im Schlafsack angekommen falle ich in einen tiefen und friedlichen Schlaf.

Die Rückfahrt und das Geräusch

DSC00117.jpgDer nächste Morgen kommt unweigerlich, und mit ein wenig Traurigkeit im Kopf, weil das Treffen schon fast wieder vorbei ist, stehe ich auf und beginne zu packen. Das Zelt ist schnell abgebaut, Luftmatraze und Schlafsack werden zusammen mit meiner mobilen Behausung auf die Enfield gepackt. Danach gehe ich Frühstücken, mache diesmal aber nicht den Fehler etwas zu essen, sondern schütte mir zusammen mit Thomas ein paar Kaffee in den Kopf. Wir quatschen noch ein wenig und später stoßen noch zwei weitere Enfieldfahrer zu uns. Nach einem verhaltenen kühlen Morgen kommt schließlich doch noch ein wenig die Sonne durch, der ideale Zeitpunkt zurück zum Motorrad zu gehen, und eine letzte Runde über den Platz zu drehen.

Die Meisten sind dabei die Zelte abzubauen, überall wird gepackt, gewuselt, verzurrt und sich auf die Heimreise vorbereitet. Ich denke ein wenig darüber nach, wie mir dieses Treffen gefallen hat, und was ich darüber schreiben werde. Es war wirklich schön, obwohl ich die örtlichen Gegebenheiten nicht so atemberaubend finde. Zu wenig saubere Toiletten, die Preise der Gaststätte zwar noch moderat, aber nicht wirklich günstig, ein Teil des Zeltplatzes voller Steine, der Andere matschig. Dennoch: Es hat mich im Grunde nicht gestört und erlange die Einsicht, dass letztendlich ein Motorradtreffen nicht von äußeren Einflüssen abhängig ist, es sind die Menschen die Zählen, die Gespräche, das Kennenlernen von Ansicht, das sich Austauschen, zusammen lachen und auch mal ernst sein. Gemeinsam fahren, Benzin quatschen, Blech reden, sich inspirieren und den Alltag hinter sich lassen. Ein Motorradtreffen wird durch die Menschen geprägt und nicht durch’s Wetter, oder die Umgebung.

Mit diesen Gedanken im Kopf schlendere ich zu meiner Enfield. Wenn sich die Gelegenheit bietet sage ich dem Ein oder Anderen noch auf Wiedersehen, doch ich muss los, es ist noch ein weiter Weg nach Haus und im Hinterkopf nagt immer noch das Geräusch, das ich so gut es ging verdrängt habe.

Benzinhahn auf, Choke rein, Kickstart und ich rolle vom Platz auf die Landstraße, grobe Richtung Koblenz. Ich achte auf das Geräusch, es ist nichts zu hören. Nun gut, die Maschine ist auch noch kalt, vielleicht war es gestern einfach nur ein Hitzeproblem, da wir ja doch recht zügig gefahren sind. Je mehr Hitze, desto mehr Ventilspiel, so ist das halt bei der Enfield. Nach einigen Kilometer fängt es dann aber wieder an. Im Schubbetrieb ist gelegentlich ein metallisches Ticken zu hören, wobei die Enfield sonst läuft wie eh und je. Kein Patschen, super Gasannahme, bollert schön, ich kann mir das nicht recht erklären, weiß aber genau, dass das Geräusch da nicht hingehört. Nach einigen weiteren Kilometern denke ich dann nicht groß über das Geräusch nach, es ist eben da, und ich kann nichts dagegen tun.

Nach etwa 60 Kilometern halte ich an einer Tankstelle an, Zigaretten kaufen und eine rauchen. Ich treffe einen anderen Enfieldfahrer, der ebenfalls Rast macht. Wir quatschen ein wenig, irgendwann fährt er weiter und ich hole mir noch etwas zu trinken. Danach mache auch ich mich auf den Weg die Heimreise fortzusetzen. Bis Koblenz gibt es keine Probleme, nur dass ich den Eindruck habe, dass das Geräusch sich nun häufiger meldet und lauter wird. Gerade im Schubbetrieb, rasselt es nun häufiger, als ob eine Kette über einen metallischen Gegenstand gezogen wird. Sobald ich Gas gebe oder wegnehme verschwindet das Geräusch.

Hinter Koblenz geht es Richtung Montabaur, das Geräusch wird immer heftiger und so langsam mache ich mir wirklich ein wenig Sorgen. Das Problem ist, es könnte ja alles mögliche sein. Von der losen Schraube bis hin zum defekten Pleullager. Vielleicht schleift einfach nur die Kette? Hab ich schon lange nicht mehr gespannt und sie hängt auch übel durch. Aber dann müsste es ja gerade beim Gaswegnehmen schleifen. Das kommt mir alles spanisch vor.

Hinter Nister wird das Geräusch so laut, dass ich wirklich nervös werde. Und ich bin was Geräusche an der Enfield angeht weiß Gott nicht leicht aus der Fassung zu bringen. Ich erinnere mich an das Treffen vor drei Jahren. Da bin ich mit dem gefressenen Kolben noch 1.400 Kilometer gefahren und hatte relativ wenig Sorgen nicht anzukommen. Jetzt mache ich mir aber wirklich Sorgen auf der Heimfahrt doch noch auf den Schandkarren zurückgreifen zu müssen, denn das Geräusch ist langsam, aber stetig immer heftiger geworden. Im Schubbetrieb ist es nun fast dauerhaft zu hören, ein Schlagen, rasseln und es kommt nicht von der Kette, es kommt von weiter vorn. Ich bin total nervös und verfahre mich, weil ich ständig dem Geräusch lausche, anstatt auf die scheiß Straßenschilder zu schauen. Es macht mich wahnsinnig. Trotzdem fahre ich weiter. Muss ja. Irgendwann bin ich in der Nähe von Burbach, also völlig falsch, doch dann sehe ich ein Schild, das die Richtung nach Betzdorf weist. Ich nehme die Abzweigung, um nicht durch Siegen fahren zu müssen.

Jetzt, wo ich wieder auf Kurs bin beruhige ich mich wieder ein wenig. Scheiß doch einfach auf das Geräusch. Es ist da, es wird nicht wieder verschwinden, indem du dir Sorgen machst und du wirst schon irgendwie ankommen. Es ist eine verdammte Enfield, sie wird es schon schaffen, du wirst es schon schaffen.

Über Freudenberg erreiche ich schließlich Olpe, wo ich an einer Tankstelle anhalte, tanke und Rast mache. Rauchen, Essen, Trinken, Pinkeln, dann geht es weiter und ich fahre am Biggesee entlang Richtung Attendorn. Das Geräusch gehört inzwischen zum Inventar. Es ist zwar noch schlimmer geworden, hat sich aber scheinbar nun auf einem Niveau eingependelt. Ich rätsele gelegentlich immernoch, was da wohl mal wieder in die Wicken gegangen ist, aber eine Lösung erschließt sich mir nicht. In Attendorn fahre ich im Industriegebiet auf einen Parkplatz und lausche dem Geräusch, weil mich nun interessiert, woher es kommt. Es ist nicht die Kette. Im Stand ist das Geräusch auch da, und so wie es sich anhört kommt es aus dem zentralen Bereich des Motors. Vielleicht die Primärkette, das könnte sein, zumal es sich wirklich anhört, als würde eine Kette schleifen.

Das es vielleicht wirklich nur die Primärkette ist beruhig mich etwas und ich fahre weiter Richtung Plettenberg. Jetzt bin ich ja auch schon fast Zuhause. Nur noch über den Berg und ich bin Balve. Nach einigen Stunden schwitzen und einer langen Fahrt mit nervlichen Hochs und Tiefs rolle ich die Enfield endlich in die Garage.

In den nächsten Tagen

Tja, die Sekundärkette war’s auf keinen Fall, die habe ich nämlich gespannt. Die Primärkette war’s übrigens auch nicht, denn die habe ich auch gespannt. Da mein Reifen auf der Yamaha runter war, musste ich die Enfield noch zwei Tage fahren, um zur Arbeit zu kommen. Das Geräusch hat sich dann nochmal verschlimmert und wurden zum ständigen Begleiter, so dass ich zur festen Überzeugung gelangt bin, dass etwas böses im Motor passiert ist. Vielleicht ein wandernder Kolbenbolzen, ein ausgeschlagenes Lager, ein gebrochener Kolbenring, oder wenn’s ganz dicke kommt, dann das untere Pleullager. Aus Zeitmangel habe ich noch nicht ins Öl geschaut, ich muss erstmal die MZ für den TÜV vorbereiten und kämpfe mich durch die Gabelinstandsetzung. Danach gehe ich die Enfield an, also Ölfilter raus, dann Kopf und Zylinder runter und mal schauen, ob mir dann bereits auffällt, was dieses widerliche Geräusch verursacht.

Aber ich bin der Enfield nicht böse. Immerhin hat sie jetzt 18.500 Kilometer runter. Mir war klar, dass es im Bereich von 20.000 Kilometern zu Problemen mit dem Motor kommen könnte. Ich betone könnte. Denn so sind die indischen Enfields nunmal, kann alles gut gehen, muss aber nicht.

Nur Russen sind schlimmer. ;-)


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