Letztes Wochenende war ich wie angekündigt auf dem Gespanntreffen in Neuerkerode bei Braunschweig. Ich fuhr am Freitag morgen, nachdem ich die Campingausrüstung und meine übrigen Klamotten auf die Enfield gebastelt hatte, für meine Verhältnisse relativ pünktlich um kurz vor 11 Uhr los. Zuerst war ich etwas unsicher, ob meine mit Gummiseilen gesicherte Gepäckkonstruktion halten würde, was aber kein Problem war. Im Gegenteil: Ich konnte mich sogar ein wenig anlehnen, an der Gepäcksissibar, sehr bequem.

DSC00062.jpgAlso rauf auf die Bundesstraße 1 und ab gen' Osten. Mir fiel sofort auf, dass die Enfield mit den vorgenommenen Optimierungen wirklich deutlich spürbar besser lief, selbst längere Strecken mit 90 Km/h waren überhaupt kein Problem und auch bei kurzfristigen 100 Km/h hörte sich der Motor noch richtig gesund und gut an. Der Motor klang auch ganz anders, viel bulliger und dumpfer. Leider war aber auch der Verbrauch etwas höher als vorher, ich denke 3,9 Liter auf 100 Kilometer sind allerdings immer noch ein respektabler Wert - zumal der erhöhte Verbrauch ja auch teilweise aus meiner nun zügigeren Fahrweise und der Beladung resultierte.

DSC00063.jpgSchnell erreichte ich Paderborn, wo ich von der Bundesstraße 1 auf die Bundesstraße 64 Richtung Höxter wechselte. Die Strecke war angenehm zu fahren und der Wettergott auch noch relativ freundlich gestimmt. In Höxter besuchte ich dann erstmal den Motorradclub Donalds, um ein kleines Päuschen einzulegen. Hinter Holzminden fuhr ich dann allerdings von der B64 ab und überbrückte so einen Umweg, den ich sonst gefahren wäre. Schöne Nebenstrecke, hat Spaß gemacht. Erneut wieder auf der B64, fuhr ich dann weiter bis nach Bad Gandersheim, klingt nach einer Stadt aus einem Mikey Maus Heft, um dann auf die Bundesstraße 248 zu wechseln, die mich Richtung Salzgitter führte. In Salzgitter verfuhr ich mich kurz, weil die Beschildung nicht ganz eindeutig war, aber schließlich fand ich dann doch den richtigen Weg nach Wolfenbüttel. Dort musste ich auch einmal nach dem richtigen Weg fragen, weil ich meine Route etwas nachlässig dokumentiert hatte, aber im Großen und Ganzen war es kein Problem und nach ungefähr fünfeinhalb Stunden und 300 Kilometern erreichte ich Neuerkerode.

Hintergrundinfo: Neuerkerode ist ein Dorf zwölf Kilometer östlich von Braunschweig und 8 Kilometer nordöstlich von Wolfenbüttel, ein Dorf mit Wohnhäusern und Wirtschaftsgebäuden, Läden, Gasthaus, Gärtnerei und Friseur - es ist das Zuhause für 840 Menschen mit geistiger Behinderung und mit Lern- und Mehrfachbehinderungen. Die Evangelische Stiftung Neuerkerode hat Räume geschaffen, in denen Menschen mit Behinderungen die Welt zu ihrer machen können. Zu einem Ort, an dem sie gerne leben.

Das Treffen selbst fand auf dem Sportplatz der Stiftung statt, den ich durch die gute Beschilderung auch schnell fand. Sofort nach dem Eintreffen begann ich mit dem Zeltaufbau, was mit der Hilfe eines anderen Teilnehmers recht schnell erledigt war. Danach habe ich eine kurze Platzrunde gedreht, es waren schon einige Gespanne und wenige Solomaschinen Vorort. Trotz Solomaschine bin ich herzlich aufgenommen worden, wobei sich hier wieder zeigte, dass die Enfield ein wirklich gutes Motorrad für Treffen ist: Irgendjemand kommt immer zum Schauen und Schnacken vorbei. Da ich ganz alleine auf das Treffen gefahren bin, war es so einfacher ein wenig Anschluss zu bekommen.

Danach erkundigte ich mich, wo es die nächste Gelegenheit zum Tanken gab und machte mich nochmal auf die Socken, um Flüssignahrung für mich und meine Enfield zu holen. Zurück am Platz drehte ich dann noch ein Ründchen, betrachtete die Gespanne genauer und trank mir dabei gemütlich eine Dose Bier. Vom urtümlichen Ural Gespann, bis zum hochmodernen Zeus Sidebike war so ziemlich alles vertreten, eine bunte Mischung. Aber auch einige wenige Solomaschinen gab es bereits zu besichtigen.

Später am Abend wurde ich von meinen Zeltnachbarn eingeladen, einer freundlichen Gruppe Gespann- und Solofahrer-/innen, mich dazu zu setzen und einen leckeren Aufgesetzten und ein Bier mitzutrinken. In der freundlichen und lustigen Runde wurde es schnell später und später und ich immer müder und müder, so dass ich das letzte Bier halbvoll zurückließ und um halb eins wie ein Stein in meinen Schlafsack fiel. Ich denke, ich habe einen neuen Einschlafrekord aufgestellt: Es hat keine Minute gedauert und ich war völlig im Land der Träume verschwunden.

DSC00069.jpgAm nächsten Tag stand ich gegen halb neun auf, machte mich ein wenig frisch, vorwiegend mit Kaffee, der von den Veranstaltern übrigens kostenlos gestellt wurde. Auch sonst war die Versorgung sehr gut, es gab jeden Morgen ebenfalls kostenlose Brötchen, nur für den Belag musste selbst gesorgt werden. Um 10 Uhr begannen die Gespannfahrer dann mit vier kurzen Rundfahrten für die Bewohner der Enrichtung, die aus welchen Gründen auch immer an einer längeren und für den Nachmittag geplanten Ausfahrt nicht teilnehmen konnten. Während den vier Runden der Ausfahrt, bei jeder Runde wurden die Beifahrer getauscht, sicherte ich mit einem anderen Solofahrer die Strecke ab, so dass die Gespanne an Kreuzungen durchfahren konnten, ohne dass der Pulk getrennt wurde. Zur Streckenabsicherung wurden uns übrigens Warnwesten zur Verfügung gestellt, die uns ein wenig "offizieller" erschienen ließen und so gab es mit den Autofahrern auch wenig Probleme. Hier und da wurde zwar später von einigen weniger verständnissvollen Mitmenschen berichtet, aber größere Zwischenfälle gab es wohl keine. Nach der kleinen Ausfahrt gab es einen leckeren Eintopf, der ebenfalls von den Veranstaltern gestellt wurde. Das Wetter war die ganze Zeit ziemlich durchwachsen, es gab immer mal wieder leichte Schauer, aber es war noch erträglich. Besser ab und zu mal ein Regenguss, als wenn es die ganze Zeit nieselt.

DSC00071.jpgSo gestärkt sammelten wir uns um 12 Uhr dann erneut auf dem Parkplatz von Neuerkerode und alle Fahrer wurden von den wirklich zauberhaften Tankfeen energischst dazu aufgefordert den Tank mit entsprechendem Inhalt zu füllen. Gesagt getan und um 13 Uhr setzten wir Solofahrer uns wieder in Bewegung, um nun die Kreuzungen für die große Ausfahrt zu sichern. Ich konnte mit der Enfield das Tempo recht gut mithalten, da die Geschwindigkeit sich meist um die 90 Km/h bewegte. Meine Zeltnachbarin, ihre Nichte und ich bekamen dann eine abknickende Kreuzung zugewiesen, wo wir den Vorfahrtsverkehr in beiden Fahrtrichtungen sperren mussten, damit die enge Kurve von den Gespannen nicht zu langsam gefahren werden musste. Nach einiger Zeit rollten dann die etwa dreißig Gespanne (grob geschätzt) an und wir stellten uns geschwind auf die Straße. Auf meiner Seite gab es keine Probleme, der Busfahrer des Reisebusses blieb cool und ließ die Gespanne ohne Murren vorbeifahren. Auf der anderen Seite regte sich ein Autofahrer ein wenig auf, was uns aber ehrlich gesagt ziemlich am Arsch vorbei ging - und ich war auf meiner Seite ja so oder so nicht davon betroffen.

DSC00070.jpgNachdem die Kolonne durch war, sind wir mit anderen Solofahrern dann hinterhergefahren, um uns auf einem Berg zu treffen. Dort gab es dann Kaffee und Kuchen, es wurde viel fotografiert und ich habe sogar kurz eine andere Enfield gesehen - allerdings nur von hinten, denn als ich meine Inderin gerade abgestellt hatte, fuhr die andere Bullet schon wieder ab. Schade, hätte gern ein wenig mit dem Fahrer geschnackt. Die Bewohner hatten auch sehr viel Spaß, logisch, schließlich ist für sie das Motorradfahren nichts alltägliches und ein echtes Abenteuer.

Als wir Solofahrer uns dann für die Absicherung der Rückfahrt in Bewegung setzen, fing es richtig an zu schiffen und wir wurden ordentlich durchgeweicht. Wir hatten Glück, dass es nur ein kurzer, wenn auch heftiger Schauer war, unangenehm war es trotzdem, besonders für meine Zeltnachbarin und ihre Nichte, die nämlich ihre Regenkleidung nicht mitgenommen hatten. Aber: Es ist ja nur Wasser und trocknet ja wieder.

DSC00074.jpgDie Absicherung der Rückfahrt verlief ohne Probleme, bei unserem Posten - auch wieder eine abknickende Vorfahrt - musste ich nicht einmal ein Auto anhalten, weil einfach keins vorbeikommen wollte. Wieder in Neuerkerode angekommen waren alle Beteiligten glücklich und zufrieden und wir gingen gemeinsam zum Grillen über, wobei auch hier das Grillgut wieder von den Veranstaltern gestellt wurde. Ich stattete der Tanke noch einen kurzen Höflichkeitsbesuch ab, Bier musste her. Das Bier, dass ich am Vorabend stehen gelassen hatte, habe ich übrigens noch ausgetrunken, es wurde freundlicherweise aufbewahrt und aufgrund der nicht wirklich prickelnden Temperaturen, war es nicht mal ein bischen schal. Wäre auch zu schade zum wegkippen gewesen, war nämlich ein sehr süffiges dunkles Bier, mit einem intensiven Geschmack.

DSC00073.jpgNachdem alle mit Fleisch, Salat und was es sonst noch so gab versorgt waren, wurde noch eine kleine Tombola mit netten Geschenken für alle Teilnehmer veranstaltet. Die Tankfeen wurden kurzerhand in Glücksfeen verwandelt und riefen nach und nach die Nummern der Gewinner auf, wobei keiner leer ausging. Ich habe übrigens eine Umhängetasche bekommen, die sehr gut zum Motorradfahren geeignet ist. Ebenfalls nicht leer ausgegangen sind einige Mitglieder des MC Kuhle Wampe, von denen viele die Veranstaltung besucht haben und ausgerechnet die vier imposantesten Erscheinungen gewannen alle ein Eric Clapton T-Shirt: Größe L. Was haben wir gelacht. Die Anprobe bestätigte unseren Anfangsverdacht: Bauchfrei ist jetzt auch bei Männern modern. ;-)

Als es dann ein wenig dunkelte, gab es noch eine moderne Diavorführung: Mit Laptop und Beamer wurden die Fotos der verschiedenen Fotografen, die den Tag dokumentarisch festgehalten hatten gezeigt, auch hier waren wieder eine Menge Lacher dabei. Der Abend klang für mich dann am Lagerfeuer aus, es regnete zwar ab und zu noch ein wenig und es war ziemlich kühl, aber trotzdem ein schöner Abschluss.

Am nächsten Morgen habe ich dann meine Sachen abgebaut, wieder auf der Enfield verstaut und bin mit dem Versprechen losgedonnert, nächstes Jahr wieder zu kommen. Aber ich will nächstes Jahr nicht alleine hinfahren, sondern möchte schon jetzt Jeden der Lust haben könnte, darum bitten: Tragt euch das Wochende nach Pfingsten im Kalender ein, es lohnt sich wirklich. Und es ist egal ob Solo oder Gespann, je mehr Solofahrer-/innen vor Ort sind, umso einfacher wird es für alle und sicherlich auch umso schöner.

Und auch für einen persönlich kann dabei etwas herausspringen: Es ist schön ein wenig zu helfen. Und es bringt dich auch persönlich weiter, denn du lernst neue Leute und andere Leute kennen. Als ich am Freitag auf den Platz gefahren bin, wurde ich heftig und herzlich von Olaf begrüßt, den ich anfangs nur schwer verstehen konnte, weil ich das einfach nicht gewohnt bin. Und zuerst wusste ich auch nicht wirklich, wie ich nun reagieren sollte. Aber ich kann sagen: Nach ein paar Stunden Aufenthalt und spätestens am zweiten Tag legt sich das. Alles wird zur Normalität und es wird nicht mehr überlegt, welches Verhalten und welche Reaktion nun die Beste wäre. Und DAS - so finde ich zumindest - ist eine sehr lohnenswerte Sache. Und ich habe ehrlich gesagt auch schon fast ein schlechtes Gewissen, denn ich habe das Gefühl viel mehr bekommen zu haben, als ich gegeben habe. Ich habe doch nur ein wenig die Strecke mit abgesichert, mehr nicht. Dafür gab es Verpflegung, ein rundum tolles Treffen mit wirklich guten Menschen und jede Menge Erfahrungen und Eindrücke, die das Leben wirklich bereichern.

Ich kann das Treffen uneingeschränkt empfehlen. Wir sehen uns also nächstes Jahr! :-)

Links: Bildergallerie, Veranstaltungsseite, Ev. Stiftung Neuerkerode