Die Aprilia Mana 850, keiner kauft sie, alle belächeln sie, weil sie ein Motorrad mit Automatik ist, ja nicht einmal mehr einen Kupplungshebel hat. Aber muss sie deswegen wirklich zur Kaste der Unberührbaren gehören? Ich bin gestern mit diesem Motorrad über 800 Kilometer gefahren - an einem Tag. Es war ein sehr hoher Autobahnanteil dabei, aber auch die Landstraßen vor Würzburg und natürlich meine Hausstrecke - von Lüdenscheid nach Menden durch das schöne Sauerland. Dadurch konnte ich mir von der Mana sehr intensiv ein eigenes Urteil bilden und meine anfängliche Skepsis hat sich nach und nach in Begeisterung verwandelt. Einerseits, weil die Mana wirklich richtig gut fährt und andererseits weil das Motorrad verdammt praktisch ist und ein paar sehr nette Details bereit hält. Aber von Anfang an. Ich hatte folgendes Problem: BOSCH hatte ein paar Journalisten und Blogger, darunter auch mich, eingeladen in Boxberg die neuste Generation der ABS Systeme zu testen und über einige Neuerungen zu berichten. Boxberg ist in der Nähe von Würzburg, einfache Strecke von mir aus: 374 Kilometer. Und ich musste am Morgen hin und am Abend wieder zurück. Ich mag meine KLX zwar, aber Autobahnblasereien sind mit ihr wirklich kein Spaß, dafür ist das Motorrad einfach nicht gebaut. Mir war klar: Entweder du mietest dir ein Motorrad, oder du fährst nicht hin. Mit dem Auto zu einer Motorrad-Veranstaltung ist für mich persönlich einfach indiskutabel. Das mit dem Motorrad mieten war allerdings nicht so einfach wie ich dachte, denn die 800 Kilometer trieben den Preis in Höhen jenseits der 300 Euro Marke. Bei Yamaha war man nicht gewillt mir entgegen zu kommen, ein Motorradverleih in Hamm meldete sich erst gar nicht zurück, aber es gibt ja noch meinen Lieblingsmotorradhändler - Kawasaki Schnock in Soest. Da ich die KLX wegen der Rückrufaktion eh hin bringen musste, habe ich ihn einfach mal auf meine Situation angehauen und siehe da, er machte mir einen fairen Preis. Wer im Umkreis von 100 Kilometer um Soest eine Kawasaki kaufen will oder eine Werkstatt sucht: Fahrt zu Schnock, die Jungs sind gut, freundlich und lassen dich nicht im Regen stehen. Nachdem die Formalitäten geklärt waren, hatte ich dann die Wahl: Entweder die W800, oder die Mana 850. Die W hätte ich gerne gefahren, da bin ich schon sehr lange sehr scharf drauf, aber letztendlich habe ich mir gedacht, dass die Mana für das was ich vorhabe einfach besser geeignet ist. Und letztendlich hat sich meine Entscheidung auch als richtig erwiesen. Bevor ich losfahre, prüft ein Mechaniker noch kurz das Öl und die Reifen, dann sitze ich auf, drehe den Schlüssel herum und drücke auf den Mädchenknopf. Nichts geschieht. "Du musst die Bremse ziehen, wegen der Automatik", wird mir gesagt und es stimmt. Kurz die Bremse leicht ziehen, Knöpfchen drücken und der Zweizylinder 90° V Motor brummelt los. Erste Erfahrung: Mit dem Gas spielen an der Ampel, das ist Geschichte, denn Gas bedeutet bei der Mana einkuppeln und losfahren. Und das klappt äußerst sanft und problemlos und so rolle ich noch etwas unsicher in Soest vom Hof. Jochen Vorfelder hat es in einem Spiegel Online Artikel bereits sehr treffend beschrieben: Phantomschmerz. An der ersten Ampel suche ich nach dem Kupplungshebel, doch er fehlt. Dann schaltet die Mana ab 20 Km/h aber selbstständig in den Leerlauf und rollt gemütlich aus. Beim schnellen Start an der Ampel zeigt sich dann bereits ein Vorteil der Automatik: Einfach den Gasdrehgriff auf Anschlag und die Mana stürmt los, als wäre der Teufel hinter ihr her. Stufenlos, aber ohne Gummibandeffekt, wie beim Roller, denn das eigentlich stufenlose CVT-Getriebe hat 7 Übersetzungssprünge, die zumindest ein wenig echtes Getriebe vorgaukeln. Fühlt sich an, wie ein altes amerikanisches Oldsmobile und auch der Motor klingt ein wenig wie ein hubraumstarkes US Fahrzeug. Komische Assoziation, aber daran muss ich wirklich denken. Irgendwo hinter Soest gibt es auf einer Landstraße eine Ampel, an der bereits einige Autos warten. Also fahre wie fast immer, wenn ich es eilig habe nach vorne und warte darauf, dass die Ampel auf gelb schaltet. Dann reiße ich am Kabel und die Mana beschleunigt zügig und gleichmäßig durch. Erst ab 160 reduziert sich die Beschleunigung, da geht also einiges. Dabei fährt das Motorrad wie auf Schienen und auch schnelle, langgezogene Kurven beeindrucken das Fahrwerk nicht. Später zeigt sich, dass auch enge Kurven kein Problem sind und die Mana sich richtig gut handeln lässt. Anbremsen, am Gas hängend durch die Kurve und am Ausgang das Gas voll aufreißen und über nichts anderes nachdenken müssen, das macht verdammt viel Spaß, ich vermisse die fehlende Schaltung seltsamerweise überhaupt nicht. Auch überholen ist much fun - weil es so unkompliziert ist. Kein runterschalten, einfach GAAAAAS gleich Spaß! Gut, am Auspuff könnte noch was gemacht werden, der ist viel zu leise und pöttert sehr unspektakulär. Ein erstes ernstes Problem bekomme ich dann an der Tankstelle. Wo ist der Tank? Ich stiefele um die Maschine, bis mir ein kleiner Schalter auffällt. Ich drücke darauf und da, wo eigentlich der Tank ist, springt etwas auf. Das was eigentlich der Tank ist, stellt sich als riesiges Helmfach heraus und jetzt kommt's: Es ist beleuchtet und hat einen 12 Volt Anschluss. Kameraausrüstung und Mobiltelefon laden sind also kein Problem. Und auch einiges an Gepäck passt dort hinein, unglaublich praktisch. Trotzdem weiß ich leider immer noch nicht wo der verdammte Tank ist, bis mir über dem Nummernschild ein Schloss auffällt und tatsächlich, der Tank befindet sich unter dem Soziussitz, der hochgeklappt werden kann, wenn das hintere Schloss geöffnet wird. Leider gehen in den Tank nur etwa 15 Liter, was die Reichweite auf etwa 250 bis 300 Kilometer begrenzt, denn der Bordcomputer zeigt bei mir einen Verbrauch um die 5 Liter an. Nach dem Tanken geht es auf die Autobahn Richtung Boxberg, was natürlich echt öde ist. Da in der Früh aber so wenig Verkehr ist, kann ich mich endlich ein wenig mit dem Bordcomputer beschäftigen. Der zeigt so einiges nützliches an, Verbrauch, Tageskilometer, Durchschnittsgeschwindigkeit, gefahrene Zeit und neben noch anderen Dingen auch die V max. Letzteres sehe ich als Herausforderung und wenn schon Autobahn, dann bitte schnell. Mehrfach reize ich, damit mir nicht allzu langweilig wird, die Motorleistung aus und am Ende steht bei V max 198 Km/h. Nicht schlecht und für eine unverkleidete Maschine auch völlig okay. Relativ entspannt fährt es sich auf der Bahn zwischen 130 und 140 Km/h, weil ich aber echt spät dran bin, fahre ich auch längere Stecken mit 170 bis 180 Km/h und so komme ich ziemlich gut voran. Was mich ein wenig nervt, ist der Knieschluss, denn ich bin für die Mana zu groß. Bis 185 cm Größe dürfte es so gerade gehen, aber ich stoße leider mit den Knien oben am Abschluss an. Das haut die Sitzbank aber wieder raus, denn die ist erstklassig und richtig bequem. Positiv überrascht bin ich noch mal über den Bordcomputer, als die Reserveleuchte der Mana auf die Situation im Tank aufmerksam macht. Kurze Zeit darauf zeigt der Computer an, wie viele Kilometer bereits in der Reserve gefahren wird. Das finde ich sehr praktisch. Der Bordcomputer kann übrigens über einen Schalter, der über dem Blinker sitzt bedient werden, aber die Platzierung finde ich etwas unglücklich. Mehrfach passiert es mir, dass ich statt den Blinker zu setzen den größeren Schalter des Bordcomputers nehme und dort etwas verstelle. Ich hätte es anstelle von Aprilia genau andersherum gemacht. Den kleinen Schalter für den Computer und den großen für die Blinker. Kann aber auch sein, dass ich mich nach 2.000 Kilometern daran gewöhnt hätte. An der anderen Schaltereinheit lässt sich noch das Programm für das Getriebe ändern: Touring, Sport, oder Regen. Das Programm für Regenfahrten finde ich cool, denn dann wird immer aus der aktuellen virtuellen Gangstufe heraus beschleunigt, was die Leistung am Hinterrad sanft auf die Straße überträgt. Das Sport-Programm hingegen finde ich nutzlos, es wird lediglich die Drehzahl höher gehalten, was aber in meinen Augen überflüssig ist, denn das CVT-Getriebe reagiert so zügig auf Änderungen der Stellung des Gasgriffs, dass es eine wahre Freude ist. Und die vordere Bremse ist ein Traum! Druckpunkt super erfühlbar und die Bremskraft sehr gut dosierbar, Verzögerung erstklassig. Die Bremse meiner KLX ist im Vergleich zur Mana, als knete man einen Brotteig. Die hintere Bremse scheint hingegen nur Deko zu sein. Selbst wenn ich richtig feste reinlatsche, passiert nicht viel und von der Blockade des Hinterrads bin ich meilenweit entfernt. Da ich aber so oder eher der Vornebremser bin, ist mir das ziemlich egal. Als ich endlich von der Autobahn abfahren kann, geht es auf die Landstraße. Auch dort macht die Mana eine sportliche Figur und läuft auch gerne mal 170 wenn man sie lässt - Fahrwerk und Bremsen sind definitiv für solche Späße ausgelegt. Habe ich jedenfalls gelesen, in irgendeinem Motorrad-Forum im Internet. Bei schnellen Landstraßenfahrten nervt allerdings der allzu breite Hinterreifen, das passt irgendwie nicht zusammen, denn das dicke Teil nimmt in Kurven jede Rille mit und vermittelt dadurch ein unruhiges Gefühl. Auf glattem Asphalt ist das allerdings kein Problem, trotzdem hätte es ein 170er, oder ein 160er Reifen auch getan. Ist halt ein italienisches Motorrad, vielleicht müssen die Italiener mit den dicken Schluffen irgendwas kompensieren oder so, ich hab' keine Ahnung. Endlich erreiche ich dann - natürlich nicht ohne mich ein wenig zu verfahren, muss ja sein, sonst stimmt mit mir was nicht - den BOSCH Besucher-Parkplatz und stelle trotz der rund 380 Kilometer die Mana relativ entspannt in die Ecke. Und ich kann wirklich nicht behaupten langsam gefahren zu sein. Beim Parken übrigens praktisch: Die Mana hat auf der Linken Seite über dem Motor eine Feststellbremse. Ist ja auch irgendwie logisch, denn wenn die Mana steht, dann ist ja kein Gang eingelegt und die Fuhre würde am Berg einfach wegrollen. Außerdem lässt sich dank der Feststellbremse auch an einem steilen Hang bergab parken. Nach der Bosch Veranstaltung fahre ich mit Jan noch bis kurz vor Würzburg über die Landstraße, er ist mit seiner geliehenen Enfield unterwegs, die Geschwindigkeit ist also eher gemütlich, aber auch das macht mit der Mana Spaß, weil ich mich um nichts kümmern muss. Der Motor brummelt beim ruhigen Fahren unter mir vor sich hin und ich hab Zeit die Landschaft zu bestaunen und nebenbei noch ein paar Blümchen zu pflücken. Schalten brauche ich ja nicht. In mir keimt langsam der Gedanke auf, dass die Mana ein echt cooles Motorrad ist, aber so ganz sicher bin ich mir noch nicht. Eine innere Stimme schreit: "Das ist ein Automatik-Motorrad, das muss per se Scheiße sein, genau wie Harley und Apple!", aber die andere Stimme unterbricht den lauten Vorurteilsgedanken dann ruhig und sachlich, um zu sagen, "genieße dieses unkomplizierte, gutmütige Motorrad doch einfach." Dann geht es leider bereits wieder auf die Autobahn, aber ich lasse es etwas langsamer angehen und fahre selten schneller als 140, zu sehr reißt der Fahrtwind sonst den Kopf nach hinten, was auf Dauer in schmerzender Nackenmuskulatur endet. Ich lasse es mir allerdings nicht nehmen in Lüdenscheid abzufahren und mit der Mana noch mal über die Hausstrecke zu ballern, wodurch mir die Vorzüge des Motorrad noch mal klar vor Augen geführt werden: Spielerisches Handling, super Bremsen, gutes Fahrwerk und das Überholen von vierrädrigen Hindernissen wird zum Hochgenuss. Und dabei ist das Motorrad in vielen Details einfach total praktisch entworfen. Es sind solche Kleinigkeiten, wie das die Spiegel hervorragend gedämpft sind und wirklich gute Sicht nach hinten bieten, egal wie schnell die Mana fährt. Oder diese Bordsteckdose, ich hab' während der Fahrt mein Smartphone geladen und ich musste dafür nicht mal irgendwas ans Motorrad schrauben und die gesamte Kameraausrüstung und anderer Krimskrams passte in das Helmfach. Die Mana ist ein echtes Fahreisen, denn als ich nach meiner 800 Kilometer Zwangsgewalttour die Aprilia vors Haus stelle kann ich noch normal laufen und der Po schmerzt so gut wie gar nicht. Am nächsten Morgen fahre ich die Mana wieder nach Schnock und bin tatsächlich traurig, dass ich sie schon wieder abgeben muss. Auf der Fahrt nach Soest lasse ich es noch ein letztes Mal richtig krachen und überhole ein Auto nach dem anderen, warum? Weil es geht und weil es Spaß macht. Als ich mich dann wieder auf die KLX setze und die ersten Meter fahre bin ich fast erschrocken. Ich hatte immer gedacht, meine KLX wäre total super und schön zu fahren, aber gegen die Fahreigenschaften der KLX ist die Mana einfach um Welten besser. Und einige Bloggerkollegen haben die KLX auch gefahren und für einfach gut fahrbar befunden, es ist also nicht so, dass die KLX scheiße fahren würde, die Mana kann es nur wesentlich besser. Mehr Leistung, mehr Präzision und ein praxistaugliches Gesamtkonzept. Die Mana geht auf der Landstraße, die Mana geht auf der Autobahn und die Mana geht in der Stadt. Einziges Manko: Sie sieht in meinen Augen wirklich furchtbar aus, weil einfach viel zu viel Plastik verbaut ist. Auf Fotos sieht die Mana gut aus, aber in der Realität ist das Plastik einfach allzu deutlich sichtbar, wobei silber nun auch nicht die wirklich schönste Farbe für dieses Motorrad ist. Schwarz glänzend, oder knallrot, das würde ihr besser stehen. Ach ja, und eine andere Sache gibt's auch noch, die einfach gar nicht geht: Sie wheelt nicht, selbst die Jungs vom Reitwagen haben die Mana nicht aufs Hinterrad bekommen. Die Automatik lässt das einfach nicht zu. Egal, Zeit für ein Fazit. Ich hatte ja erst gedacht, dass die Mana ein langweiliges Scheißteil ist, aber um von A über die Autobahn nach B zu kommen, würde es schon reichen. Was soll ich sagen, so kann man sich täuschen, geniales Mopped. Hätte ich die Knaster, ich würde mir eine kaufen! Und nicht trotz der Automatik, sondern wegen! Es ist wirklich cool und hat nichts mit einem Roller gemein, wie von einigen gemutmaßt, auch wenn das Aggregat aus einem Großroller stammt und mit unwesentlichen Veränderungen übernommen wurde. Die Mana ist definitiv ein Motorrad und es ist schade, dass niemand sie kauft - zumindest nicht in Deutschland. Sie gehört eben zur Kaste der Unberührbaren, weil sie keinen Kupplungshebel hat. Das ist ein bisschen so wie bei der Goldwing. Nur Wenige wollen die rollende Einbauküche wirklich fahren und bei allen Anderen ist sie als unfahrbarer Eisenhaufen verschrien. Das ist sie aber nicht, die Goldwing fährt gut und wenn man bedenkt, wie schwer sie ist, dann fährt sie sogar richtig gut. Und bei der Mana ist es eben auch so. Die Mana ist - wie ich oben schon sagte - nicht trotz der Automatik gut, sondern wegen der Automatik, weil es ein ganz anderes Fahren ist und eine ganz andere Art der Beschleunigung. Gleichmäßiger, einfacher, macht den Kopf frei für mehr Spaß durch Gas. Das erschließt sich aber nicht bei einer kurzen Probefahrt, dafür braucht es einfach ein wenig Zeit. Zeit die ich glücklicherweise hatte, sonst wäre die Mana für mich vielleicht noch immer eine Unberührbare. Dabei ist sie doch in Wirklichkeit ein echt feines Mädchen, die einfach nur darauf wartet mal ordentlich geritten zu werden.
Zusammenfassung - An der Aprilia Mana 850 ist
cool nicht so cool
Spitzen Handling Optik und Verarbeitung, Plaste und Elaste
Überholt wie blöde Überflüssige Sporteinstellung für's Getriebe
Fährt wie auf Schienen Zu breiter Hinterreifen
Astreine Sitzbank! Nicht so toller Knieschluss für größere Lenker
Helmfach mit Bordsteckdose und Beleuchtung Tank könnte größer sein
Tolles Aggregat und Getriebe ohne Gummiband Auspuff viel zu leise, da geht noch was!
Die Automatik reagiert zügigst auf die Gashand Hinterradbremse für Deko und Tüv
Praktischer Bordcomputer Wheelt nicht
Feststellbremse
absolut alltagstauglich
Fahrwerk und Vorderbremse erstklassig!
Bremspunkt vom feinsten